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Liberales Judentum · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1917) · p. Seite 62

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1917)
Date
1917-05-01
Page
Seite 62 (sequence 14)
Language
German
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Ir. JaZelÜrin: Bas liberale Judentum und dir jüdische Wissenschaft licht wichtiger ist die Erörterung der grundegenden Fragen, ebne die alle einzelnen Waßlahmen nur ein systemloses und darum zielloses Tasten sein würden. R7an wird sich allgemein daran gewöhnen, religiös-liberale und konservative Anschauung nicht bloß nach Aeußerlichkeiten zu beurteilen. Mer am Sabbat einen Schirm strägt, und wer eine Mrgelsvnagoge besucht, ^braucht daruni noch lange nichtliberal zu! sein, und wer sich über Sabbat- und Speisegesetze hinwegsetzt, kailn trotzdem recht konservativen Anschauungen huldigen, so widerspruchsvoll dies freilich ist. Denn die konservative Idee sieht in den eiligeren Formen des religiösen Gebens in weit höherem Ala ge als der Liberalismus wesentliche Bestandteile der Religion. Der religiöse Liberalismus im Judentum wird für die Neuorientierung weit mehr als bisher auf die jüdische M i s s e n s ch a f t angewiesen sein, Aus ihr muß er seine Kraft ziehen, sie muß ihm die Bausteine liefern, und er hinwiederum muß mit allem Nachdruck für die Förderung der Missenschaft eintreten. Daniit erweist der Liberalisnms sich im besten Sinne des Mortes zugleich als liberal, d. h. frei, und als konservative, d. h. erhaltende und festigende Kraft im Judentum. Denn die Missenschast vom Judentum und die wissenschaftliche Durchdringung der jüdischen Religion ist seit dem babylonischen Exil als eine der wesentlichsten Aufgaben von allen führen-. den Geistern, welcher Richtung sie auch angehören mochten, anerkannt zvorden. Die unlösliche Verknüpfung und gegenseitige Durchdringung liberaler Anschauung und jüdischer Missenschaft, ist am stärksten in die Erscheinung getreten in der Zeit des Uebergangs aus dem mittelalterlichen Ghetto in die moderne Kultur. Die jüdische Missenschast ist damals aus den Anschauungen herausgewachsen, die wir als liberal bezeichnen können, und sie hinwiederum hat den anfanas unklaren, mehr gefühlsmäßig enipfundenen als klar durchdachten Reformbestrebungen Inhalt, Richtung und Ziel gegeben; dies alles, ohne daß etwa die Missenschast tendenziös gefärbt und damit ihres Charakters und ihrer Reinheit entkleidet worden wäre. Auf dem Gebiete der Naturwissenschaften wissen wir alle, wie stark die Praxis von der Missenschast beeinflußt wird. Daß Physik und Chemie'nicht nur stir den Gelehrten ihre.Bedeutung haben, sondern durch ihre Ergebnisse das praktische Leben unigestalten, ist eine Binsenwahrheit. Nur. zieht man selten aus dieser.Erkenntnis die weitere Schlußfolgerung, daß Gleiches auch in etwas anderer Meise für alle anderen Gebiete zutrifft, weil auf den anderen 'Gebieten des menschlichen Lebens der Einfluß der Missenschaft meist nicht so unmittelbar in die Erscheinung tritt. Aber gerade die jüdische Geschichte des K). Jahrhunderts weist Beispiele dieser Einwirkung auf. Nur wenige seien berausgegriffen. Ls ist dem heutigen Geschlecht vielfach schon unbekannt, daß vor hundert Jahren um die Zulassung der deutschen predigt in unserem Gottesdienst schwere Kampfe geführt werden mußten. Das Mittelalter und in noch höherem Maße die nachmittelalterliche Verwilderung der letzten vormendelssohnschen Jahrhunderte hatte wohl die Derascha im Jargon, die am Sabbat vor dem peßachfeste und am Sabbat nach dem Neujahrsfeste regelmäßig stattfand und auch sonst gelegentlich gepflegt wurde, gekannt; die regelmäßige predigt in deutscher Sprache galt als christliche Einrichtung. Solange die Juden den Jargon sprachen und in dem Ghettomilieu lebten, entsprach die Derascha dem Bedürstiis und damit dem Zweck der religiösen Belehrung. JTTit dem Eintritt der Juden in die moderne Kultur wurde dies anders. Form und Inhalt der Derascha standen im Miderspruch zu dem Empfinden eines großen Teils der Gemeinden und zu dem Zwecke, dem sie

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