Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126586-3126589--2242-3129085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
54 0 » K. ötrrn: Gegenwart und Inüunft des Fiberalismns im Judentum Tas dritte Erfordernis, dessen wir bedürfen, um für die Zutnnst gerüstet zu sein, ist der mixt der eigenen Ueberzeugung. Ganz zweifellos ist der größte Geil der deutschen ^nden liberal gesinnt. viele erkennen die Bewegungen und die Ziele des Liberalismus im Judentum als richtig an und nennen sich daher liberal, wenn cs aber gilt, eimnal vor der Gemeinde oder gar vor dem Staat diese liberale Gesinnung in die Gat umzusetzcn, dann fehlen die Liberalen. Würde der liberale Gesamtwille so stark sein, wie die liberale Gesinnung der einzelnen, so müßte unsere Bewegung in Deutschland ganz anderen Ninfang und ganz andere' Bedeutung haben, als dies bisher der Fall war. Was Blut der Ueberzeugung, Lintreten für das als recht erkannte Ziel angeht, so können wir von unseren Gegnern nur lernen. Wo die Zionisten und die Orthodoxen auch nur geringen Boden gefaßt haben, da halten sie zusannnen und da tretet: sie geschlossen auf deti jAan mit dem festen, unerschütterlichen Willen, ihre Absichten und jAäne durchzusetzeit. Und sie setzen sie viel öfter durch, als wir Liberalen die unseren. Leider bedeutet für viele Liberalismus den Respekt vor jeder änderet: Ueberzeugung, nur nicht vor der eigenen. Wir sehen es in unferet: großen Gemeindeverwaltungen mit liberaler Mehrheit. Die Wünsche der Blinderbeit werden mit Achtung entgegengenommen, wohlwollend geprüft und sehr oft durchgefübrt, trotzdetti die ausführenden.Organe nach ihrer Ueberzeugung das Lrstrebte für unberechtigt, die Wünsche als unvorteilhaft für die Allgemeinheit erachten. Aber man will auf alle Fälle zeigen, daß man liberal ist, d. K. die Gesinnung der anderen achtet und vergißt dabei seine eigenen Mele, die Ziele der eigenen Gesitmutigsgenossen. Und das merken die Gegtier bald.; ' - wir Liberalen sind so ängstlich in der Durchsetzung und Förderung unserer Anschauurtgett, als wenn unsere Bewegung un: Nachsicht, un: Rechtfertigung zu bittet: hatte und nicht :r:ii:deftei:s eil:e gleichgeartete, gleichberechtigte Schwester der anderer: Geistesrichtungen in: Zudentrm: wäre. weni: jüngst ein orthodoxer Rabbiner für seine Gesinnungsgenossen rühmend in Anspruch nahm, daß am Tische, wo sie raten und taten, neben ihnen und unter ihnen das unsichtbare Sxnhedrion der Väter.sitze und mitstimme, so haben wir dieser Berufung auf die Pietät gegen, die Ahnen, die wir durchaus teilen, ein Zweites, ebenso wichtiges, entgegenzusetzen. An unserem Gische fitzt das Sxnhcdrion unserer Rinder und Rindeskinder und tagt mit uns mit. Ls ist schon, auf di^ Vergangenheit zu sehen, und wir Liberalen nehmen ja für uns genau das gleiche Recht in Einspruch, als historisch empfindende Zuden angesehen zu werden, für wichtiger aber und für heiliger erachten wir die Ausgabe, an einem Judentum mitznschafsen, das die Religion unserer Rinder und Rindeskinder fein ■ ‘ kann. Wir verschließen uns nicht der. Erkenntnis, daß das Leben fortgeschritten ist über manches Bewahrenswerte. Aber wir machen uns nicht blind gegen das Leben, rechnen mit der veränderten Lrziehungsweife, mit den neuen s)flichte:i und Anforderungen, die dieheutige Zeit an uns und unsere Rinder stellt; und weil wir unsere Rinder bei der Religion halten wollen, weil wir für die Zukunft unserer Religion sorgen, darum trtten wir ein für ein liberales Judentum. Line solche Be-' wegung hat. das Licht nicht zu scheuen, und daher müssen wir von unseren Gesirmungsgenossen fordern, daß sie den Stolz hervorkehren auf ihre eigene Anfchamrng und mit der Tat eintreten für das, was sie in: Kerzen tragen und auf den Lippen führen. - , wiederholt habe ich in letzter Zeit, wenn ich bekannte Männer, deren Liberalisnms ganz offenkundig ist, aufgefordert habe, unserer Vereinigung beizutreten, um vor der