Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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K. Stern: Gegenwart und Zukunft des Liberalismus im Judentum . 53 .tiacn, dag fic mit dein Judentum nur einen Begriff aufgeben, der für sie keinen Inhalt habe. Ihr Litern und Lehrer, ein schwerer Vorwurf, der Luch angeht! Ls ist leider in vielen Kreisen, die unser Bollwerk bilden sollten, so: sie kennen ihr Judentum nicht, sie sind grenzenlos unwissend, und diese Unwissenheit ist unser schlimmster, nie genüg zu bekämpfender Feind. Sie ist in Wahrheit der Zerstörer Israels! ' ", ' wir dürfen an diesem schweren Schaden uicht blinden Auges vorübergehen. Wir verlangen heute nicht von Litern und Lehrern, daß sie aus unseren Kindern große Talmudgelehrte, Liese Kenner der hebräischen Sprache machen, — 'obwohl kein Jude nicht wenigstens die vauxtgebete in ihrer heiligen Ursprache verstehen sollte, aber den religiösen Grundgehalt des Judentums, die herrlichen, ewig-schönen Schriften unserer Bibel, die Grundzüge der Glaubens- und Sittenlehre, die Lehre von der Bedeutung unserer Feste und vor allem die Geschichte des Judentums muß jeder Jude kennen, wer Israels Geschichte kennt, der liebt sie auch, weiß man denn überhaupt, daß das Judentum eine Geschichte hat? Die biblische .Geschichte kennt man zur Not; aber zwischen der Temxelzerstörung und etwa 2Uoses Ulendelssohn dehnt sich für die meisten Juden ein unbekanntes Trümmerfeld, das mit dem Schlag- wort „Ghetto" und „Judenverfolgung" gekennzeichnet ist. Don der herrlichen Blütezeit jüdischen Geistes in Babylon und Arabien, von der Glanzzeit unserer Ahnen in Spanien und.Südsränkreich, von der ganzen gewaltigen Geschichte jüdischen Geisteslebens, wer weiß davon, wer hat sich je damit beschäftigt? Nur wer dieses Judentums Aufstieg, Blüte, verfall und Neuerwachen, wer Israels Geschichte kennt, der kann überhaupt ermessen, welches Gnadengeschenk der Vorsehung es bedeutet, Jude zu sein! Nur wer die Lntwicklung des Judentums aus seiner Geschichteselbst zu erkennen bestrebt ist, kann auch die große Bedeutung des Lntwichlunasprfnzips für das heutige Judentum verstehen, kann die Daseinsberechtigung des Liberalismus würdigen und für den Liberalismus werben. Nicht weil es ihnen zu beschwerlich ist, die alten Nitualvorschristen einzuhalten, nicht weil sie zu ihrer besseren Bequemlichkeit Altehrwürdiges zerstören wollen, haben die großen deutschen Liberalen, haben jetzt die Verfasser der Nichtlinien gewisse Formvorschriften als überlebt, als nicht mehr bindend bezeichnet und streben nach einer freieren, moderneren Ausgestaltung des Gottesdienstes und-des religiösen Gemeindelebens, — nein, aus tiefer Kenntnis der Lntwicklung des. religiösen und Geisteslebens, gestützt auf die Lehren der Geschichte.? Darum ergeht die dringende Mahnung an die deutschen Juden: Lernt Luer Judentum keimen! Lest die Schriften unserer Glaubensgelehrten, lest die Geschichtswerke, an denen wir reich sind. Beginnt z. B. mit der herrlichen Schrift von Abraham Geiger über j das Judentum und seine Geschichte, wer. dieses Werk einmal begonnen, den läßt es. nicht mehr los. Lest dieses Buch mit Luern j Heranwachsenden Kindern. Ich weiß von mir, z daß es reichste Belehrung und schönste . Lr-! Hebung enthält. Nur der Anfang muß ge-! macht werden! Alle, denen die Zukunft des j Judentums am lqerzen liegt, die. gegen! Gleichgiltigkeit, Schwanken und Abfall kämpfen wollen, müssen für die Förderung jüdij scheu'Wissens eintreten. Jeder Fernstehende, der sich entschlossen hat, zu lernen, , der ist wiedergewonnen. Darum lehret Lure Kinj der, belehrt Luch selbst,- damit Ihr immer mehr erstarkt im Kampfe gegen die Lauheit und den bösen willen. Nicht nur das jüdische Gemüt, auch der jüdische Geist muß mit uns streiten, wird mit uns jieaen. - ■