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Liberales Judentum · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März 1917) · p. Seite 41

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März 1917)
Date
1917-03-01
Page
Seite 41 (sequence 17)
Language
German
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o o pr. paljbcrger: Ans meinem Kriegstagebuch X. raun, wird hier wahrhaft zum bet bakneses, zun, Versannnlungshaus wie die Synagoge einst bei uns genannt wurde. Aus den verschiedensten Gegenden des Reiches stanunen die Glieder dieser Zufallsgemeinde, aber keinen Augenblick kommt das Gefühl der Fremdheit auf, sie kennen einander als Brüder. Das erstarkende Gemeinschaftsgefühl schafft und erhöht ein edles jüdisches Selbstbewußtsein. - Ich rvill nicht sageil, daß alle' Juden im Felde, diese lvandlung an sich erfahren. Ls bleibt ein allerdings geringer Rest, der sich nach wie vor aus der jüdischen Gemeinschaft ausschließt, teils aus grundsätzlicher Ablehnung alles j)artikularistischen, teils aus Unwissenheit und Trägheit, zum größten Teil aber aus Feigheit, hi dem kindischen IVahn, man erkenne sie nicht als Juden, wenn sie ängstlich jede jüdische Gesellschaft meiden. Aber auch dieser Rest dürfte in seinem Gewissen aufgerüttelt werden durch die neue judenfeindliche Bewegung, die vielen gänzlich unerwartet kam. Es ist ja in der Tat zunächst gar nicht zu fassen, daß gegen einen Volksteil, der an Gpferfreudigkeit und Opfern von Gut und Blut fürs Vaterland, hinter der Gesamtheit wahrlich nicht zurückgeblieben ist, niedrige Verdächtigungen und haltlose Verleumdungen wieder laut werden durften. wo nicht die Gerechtigkeit, hätte doch die Klugheit verhüten müssen, daß in einer Zeit, die mehr als irgend eine ftühere ein einiges Volk verlangt, nicht nur der künstlich bewährte Burgfrieden gebrochen, sondern auch Mißtrauen und Zwietracht bisin die Rechen der kämpfenden Truppen gesät wird. Ülit tiefem. Schmerz und mit Beschämung muß es jeden Patrioten erfüllen, daß auch hierin der edle Geist von Kriegsbeginn, der im Zeichen des Kaiserworts stand: „Ich kenne keine Parteien mehr", f^ bald und so gründlich vergessen und verleugnet worden ist. Klag die vom Kriegsministerium befohlene Iudenzählung immerhin der wohlmeinenden Absicht entsprungen sein, den Treibereien und Setzereien der Heimat entgegenzutreten, ihre Wirkung ist jedenfalls die gegenteilige gewesen. Nicht etwa wegen des zahlen,näßigen Ergebnisses der Zählung; das hätten wir Juden gewiß nicht zu scheuen gehabt, wir hätten vielmehr zur besserer Belehrung der Öffentlichkeit seiye Bekanntgabe dringend gewünscht, wäre die Statistik in ihrer Anlage nur weniger einseitig und unvollständig gewesen. Aber daß jeder Komxagnieschreiber den „Gehei,nerlaß" in die Sande bekarn, ihn mißverstand und mißverstehen anußte, als sei er, der Kompagnieschreiber, nunmehr befugt, ja verpflichtet, seine jüdischen Kameraden, ja selbst die jüdischen Offiziere und Aerzte auf Drückebergerei zu untersuchen, war nur zu sehr geeignet.- die Eintracht, wenn nicht gar die Autorität zu untergraben. Die Kluft zwischen Juden und Christen, die überbrückt gewesen war, tut sich von neuen, auf. Der Jude fühlt sich als Gezeichneter. Er weiß wohl, daß es unter seinen jüdischen Kameraden Drückeberger gibt, ganz wie unter den christlichen und wünscht, daß gegen sie mit aller Strenge vorgegangen wird. Aber er ist mit Recht entrüstet, daß man das Vergehen eines Einzelnen allen zur Last legt, daß man Juden,' die als Verwundete oder Kranke in der Etappe Dienst Lun, oder andere, die wegen ihrer Vorbildung und Fähigkeiten auf Schreiber- und ähnliche Kosten ohne ihr Zutun kommandiert wurden, unter die jDflichtvergessenen und Feiglinge rechnet; er sieht das Andenken der Tausende von Brüdern beschimpft, die ihr Leben für's Vaterland gelassen, fühlt sich in seiner eigenen soldatischen Ehretief gekränkt. Er hat seine Pflicht als deutscher Mann erfüllt. Gewiß, es war nicht mehr als feine Pflicht. Dank oder Lohn hat er dafür nicht verlangt, - aber doch auch mckst solchen Undank erwartet. Daß diese bittere Erfahrung die Freude des Juden am Dienst für's Vaterland erhöhte, wird niemand glauben. Aber ein Gutes hat sie doch.gehabt: sie hat die Juden zusa,innengeschweißt. Auch sonst schon traten/ im Felde die Gegensätze zwischen Liberalen . und Orthodoxen, zwischen Zionisten und „Assi- ,nilanten" stark zurück; nun aber ist über die einigende Not alles Trennende vergessen, Leute, die bis dahin von ihren, Judentum nichts wissen wollten, werden ,nit einen, Mal „achdrücklichst daran erinnert. Die Juden- . frage ist vor sie persönlich hingestellt und fordert von ihnen eine.persönliche Lntscheidüng. Die Besseren unter ihnen bekennen sich endlich entschlossen und uneingeschränkt zu unserer Gemeinschaft, eben weil sie angegriffen wird.. Ein Solidaritätsbe-

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