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Liberales Judentum · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März 1917) · p. Seite 40

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März 1917)
Date
1917-03-01
Page
Seite 40 (sequence 16)
Language
German
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Ir. Salzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch X. 0 O 9 o 40 er um Ende gcftoiöeii? Er weiß es nicht. Die inaterialisüsche Lrbensanschauung (wenn man hier überhaupt von einer Lebensanschaunng reden darf), dm bis in die Reihen des Volkes der Reliaicm hinein häufig gefrönt wird, enthüllt en<Eck7 ihre Hohlheit. Der Grnndirrtnm dieser Anschauung, als ob das rieben der Güter höchstes wäre, klärt sich auf. Der Tod, zu einer kaum mehr gefürchteten alltäglichen Erscheinung geworden, führt die Reberschätzung desLrbens auf das gehörige Maß zurück. Das CtSch, ob es kurz oder lang währt, ist ein Nickst, um das zu leben sich nicht lohnt, wenn bar Mensch ihm nicht einen Inhalt gibt, der es überdauert. Für ein Ziel zu wirken, das weit Löh er und umfassender ist als die kleine EinAlkxistenz, für die Gemeinscknaft, für Volk nrÜ Vaterland zu kämpfen, das war's, das ergraute Männer mit jugendlicher Begeisterring gegen den Feind anstür- 'men, was unsere Jünglinge singend in den Tod gehen ließ, itoa jst's, was Vätern und Söhnen heute die Kraft gibt, ausznharren bis zum Ende. Die drohende Gefahr, daß das junge Geschlecke der natürliche Bannerträger der Ideale, Dem überhandnehmenden Materialismus erlügen würde, ist für's erste glücklich ahgewendM. Aus dem Leben und Sterben der Lmndelttnusende da draußen zieht ein neuer Idealismrs seine Säfte, ein heroischer Idealisnms Hw Gpferfreudigkeit und der Selbsthingabe. ,Mnd setzet Ihr nicht das Leben ein, nie raSä; Euch das Leben gewonnen sein." Es ist der Idealismus, der der Religion den Brden bereitet. Wenn Religion Las erste und oberste Fach des Unterrichts, Religiosität Anfang und Ende der Charakterbildung ist, so. müssen wir bekennen, daß die Schule des Krieges ihr letztes Ziel noch nicht erreicht hat. Der Enthusiasmus in Hm ersten Monaten des Krieges war, was das Mort ursprünglich bedeutet, ein Ersilltsein der bserzen von Gott wie von allem Großen, Guten, Mahren. Mas bedeutete dcmals eine Andacht vor der Schlacht oder ein Dankgottesdienst nach dem Siege! Wie Kauen und Kinder in den heimatlichen Gottechäusern, so strömten im Feld die Männer irr Scharen zum gemeinsamen Gebet zisstrnmen, von innerstem Drange getrieben. Die Konfessionen waren verbrüdert, man Wagte nicht, ob evangelisch oder katholisch. Juden besuchten christliche Feldandachtcn, uni ihr religiöses Be-' dürfnis zu befriedigen, solange sie noch der Geistlichen des eigenen Bekenntnisses entbehrten. Eine neue Blütezeit des Glaubens schien angebrochen. Aber dann kam der Rückschlag, nicht plötzlich aber allmählich. Die Schwingen^ die die Seele emporgehoben und getragen hatten, wurden lahm. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr schwand die Lsoffnungsfreudigkeit und mit ihr die Lust an religiöser Erhebung. Wohl gibt es nicht wenige, die in der Not eines Augenblicks oder in der Stille langer Nächte einmal für immer ihren Gott gefunden haben. Aber der meisten, wenn sie nicht schon von Haus aus gottgläubig waren, hat sich allgemach ein. fatalistischer Glaube bemächtigt: ihr Schicksal sei bestimmt, rvas sie auch tÄen oder litten, sie könnten ihm nicht entgehen; ein resignierender Glaube, der praktisch nicht ohne Vorteil ist, aber doch mit dem demutsvollen Vertrauen des Frommen wenig gemein Hah „der einsam sitzet und geduldig trägt, weil Er es ihm aufcrlegt." Die Dauer und die Art des Krieges haben jenen Rückschlag verschuldet, aber wer wollte behairpten, daß er ausgeblieben wäre, wenn wir einen raschen Frieden uns ersiegt hätten? Was ich hier über den Mißerfolg des Religiösen (der natürlich nicht der Räigion. zur Last gelegt werden kann), nicht leichten Herzens feststelle, gilt ebensowohl von Christen wie von Juden.' Was uns Juden aber ein gewisser Trost sein kann, ist die Tatsache, daß unsere jüdischen Soldaten jüdischer geworden sind. Es zeigt sich eben, daß es außerhalb oder besser unterhalb des Glaubens noch etwas gibt, was uns verbindet, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, kurz die gemeinsarüe Geschichte. Ein festes Band von Fleisch und Blut gewordenen Erinnerungen, von lebendigen Erlebnissen und von Sorgen und Hoffnungen umschlingt uns alte. Das. fühlt der Jude im Felde stärker als je; ohne daß dadurch die Liebe zu seinem deutschen Vaterland irgendwelche Minderung erleidet. Einer der Beweggründe, die den jüdischen Soldaten, auch den „unsrommen" zuin Feldgottesdienst treiben, ist das Bedürfnis, mit seinen Stammesgcnossen zusammen zu treffen. Der Bet-

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