Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 39 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Ar. Sahkerger: Ans meinem Kriegstagebuch X. ^elnen leichter verschmerzen lassen. Melcher gerecht denkende Jude wellte leugnen, daß qrade wir nr der Kunst, die Sache über die Person zu stellen, noch gar viel zu lernen .hätten? Daß wir das persönliche und da mit auch unsere eigene Person oft in den Vordergrund rucken, ist schuld daran, wenn wir so selten, hier sei das Fremdwort gestattet, Distance zu halten wissen, am seltensten unseren eigenen Glaubens- und Stani^ mesgenossen gegenüber. Der jüdische Untergebene, er mag im übrigen eine noch so hohe Lebensstellung cinnehmen, hat sich seinem jüdischen Vorgesetzten so wenig wie einem christlichen gleich oder gar überlegen zu dünken. Je gewissenhafter diese selbstverständliche Forderung erfüllt wird, desto mehr ist zu hoffen, daß die große Zahl' der heimkehrenden jüdischen Männer uns von diesem spezifisclxn Fehler heilen hilft. Jedoch mit der Unterordnung der Person unter die Sache kann nicht das Untergeben der Einzelpersönlichkeit im Ganzen gemeint sein. „Mir brauchen denkende Soldaten." Jeder muß auf seinem Posten seinen Ulmin stehen. „Da tritt kein anderer für ihn ein, "auf sich selber steht er da ganz allein." Innerhalb des straffen Svstems ist dem Einzelnen doch eine große Freiheit gelassen; von seiner Geistesgegenwart, seiner Entschlußfähigkeit, seiner Unerschrockenheit, die genau so ansteckend wirken, wie ihr Gegenteil, hängt^ der Erfolg im Kleinen wie im Großen ab. Eine vorzügliche Schule für den Grübler und den Zweifler, den Schwächling und den Schwankenden. Liier gelten keine noch so großen und schönen Morte, die Tat allein ist entscheidend, die unsere Meisen bei aller hohen Schätzung des Lernens und Forfchens schon als das' Höchste - priesen. Zur Selbständigkeit, zur Tatkraft und dem gesunden Selbstgefühl, das diese eingibt, wird der Ulann des Krieges erzogen. Mie viel für ihn auch vorgesorgt wird, am Ende muß jeder für sich selber sorgen. „Menn ich nicht für mich bin, wer ist für mich?" Aber von einer Heiligsprechung des Egorsnms ist deswegen noch lange keine Rede^ Ini Gegenteil, nirgend so wie im Felde begreifen wir Hillels weises Mort: „Und bin »ch nur für mich, was-bin ich?" In der Tat u>re ein Verlorener, wie ein Ausgestoßener nmß sich derjenige Vorkommen, der hier nur ftir sich ist und nicht teil hat an Freud und Leid der anderen. Mit dem sicheren Urteil, wie. es die Kameraden in der Schule haben, bewerten die Leute im Felde einen Kameraden nach seiner Güte oder seiner,löerzlosigkeit.^,,Da wird das Herz noch gewogen." Lehrer und Vorgesetzte mögen - sich täuschen, aber wer bei seinen Kameraden schlecht gelitten ist, trägt selbst die Schuld: 'Mas man vom Geiste der Kameradschaftlichkeit unter unseren Feldgrauen, nicht der Etappe, aber der Front sagt und schreibt, ist nicht übertrieben. Ist es denn ein Münder,' wenn Menschen, die tagaus, tagein gerneinsam dem Tode ins Angesicht schauere, sich für Leben und Sterben miteinander verbunden fühlen? Unmittelbar empfindet ein jeder, daß er auf die Hilfe des anderen angewiesen ist, wie der andere auf seine. „Mas Du willst, das man Dir tu, das tu auch Deinen: Nächsten." In dieser praktischen Einwendung stellt das Gebot der Nächstenliebe sich hier dar, das in seiner, biblischen Fassung den meisten beute unfaßbar und unerfüllbar erscheint. So vollzieht sich in der soldatischen Gemeinschaft des Feldes, diesem Ausschnitt der menschlichen Gesellschaft, der Ausgleich zwischen dem individucklen Recht und der Pflicht, gegen die Gejamlheit — man möchte sagen — automatisch. Es ist nach dem vorhergehenden nicht zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß bei den gelehrigen Schülern der Schule des Krieges sich eine höhere Lebensauffassung Bahn bricht. Die großen Ansprüche ans äußere Leben werden auf ein gar bescheiden Maß berabgedrückt. „Brot zur Speise, ein Kleid zum Schutze und Heimkehr zum Frieden ins Vaterhaus", in diesen drei Bitten, Die Stammvater Jakob nach jener ersten Nacht auf freiem Felde getan, sieht auch sein später Enkel jetzt alles besckckossen, was ihm begehrenswert erscheint. Er, dem das Leben bisher ein stetes Sammeln und Sorgen und wiederum sich Zerstreuen war, kommt nun zum ersten Mal zur rechten inneren Sammlung, zu sich selbst, zu seinem eigensten Ich. Eine gähnende Leere findet mancher da. Mofür hat er eigentlich gelebt? Für Geld und Gut? Mie gering und nutzlos erscheint das jetzt, wo Arm und Reich dasselbe Los traf! Für Genuß und Bequemlichkeit? Aber was wollen die bedeuten, wo das Leben täglich auf dem Spiele steht! Und wofür wäre