Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126586-3126588--2225-3129067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o o o o -JQ «JO Ar. Salzberger: Flus meinem Kriegstagebuch X. Leben nichts zu wümfchen übrig; aber wie viele sind grade durch diese Glätte gestrauchelt und zu Fall gekommen! Nicht ein Jahrhundert des Kindes, sondern eins des Mannes brauchen wir, und Ar diesem dürfte allem Anschein nach der Weltkrieg den Grund legen. Uni eine körxerVche Ertüchtigung handelt es sich zunächst. Trotz des großen Aufschwungs, den im den letzten Jahrzehnten der Sport unter der Jugend genonrmen — wer hätte geglaubt, daß unsere jungen Männer die ungeheuren Anstrengungen würden tragep können. Die vom Soldaten heut gefordert werden? Dem jüdischen Manne mögen sie vielfach nech schwer fallen, hundert Jahre der Frckheit konnten die Schäden noch nicht wieder gntmachen, die Jahrhunderte im Ghetto unserer leiblichen Entwicklung zugefügt lMten. Zluch rächt sich nun die Verwöhnung und Verweichlichung, des jüdischen Sauses, vor jedem Luftzug mußte der Knabe ängstlich behütet werden, und nun steht der Jüngling draußen, Tag und Nacht, bei wind und Wetter, ohne Dach und Decke über sich. Das Muttersöhnchen, das vielleicht zum ersten Mal das elterliche Saus verläßt, ruht micht mehr auf weichen Polstern; wie Jakob in jener ersten Nacht auf einsam ödem FeTLe muß ihm ein Stein als Nissen dienen, umd gewiß, er schläft auf solch chartern Lager so gut wie unser Ahnherr und träumt so schön wie er.. Es ist kein Zweifel, der Kröeg inacht wie.Tausende zu Krüppeln, so andere Tausende zu Kranken und Siechen für ihr ganzes Leben, aber es kann nicht oft genug betont werden, daß noch viel größer die Zahl derer ist-die durch den Krieg abgehärtet und gekräftigt, ja geradezu gesund werden. Das gilt namentlich von allen Arten der Nervenschwachen,!zu deren Geer wir Juden ein erschreckend, hohes Nontürgent stellen. Die Bewegung im Freien, die körperliche Arbeit und nicht zuletzt das eiserne Kluß heilt besser als alle Medizin die nervösen Beschwerden, an denen der moderne Mensch in Stubenluft und am Schreibtisch krankt. Die krankhafte Reizbarkeit wird durch die Anstellung des Willens auf ein einfaches klares nahes Ziel überwunden, der Wille fckbst damit unendlich gestärkt und gestählt. Es ist oft gesagt worden, der Krieg verrohe die Menschen. Nun, für meine jüdischen NamercHen glaube ich einstehn zu können. Sie haben keine Anlage zu Roheit. Eine viertausendjährige Kultur geht bis auf den Grund des Wesens. Kultur aber ist das Gegenteil von Roheit. Aber harter werden sie, und das ist gut so. „Das Volk, das die besten Nerven hat, wird den Sieg davontragen", so hat rnan gesagt, wenn das Wort, nicht nur physisch^ sondern auch psychisch verstanden wird, dann trifft es heute mehr denn je zu. „Ausharren" und „Durchhalten" lautet immer wieder die Losung. Die Geduld des Mannes im Stellungskamxfe wird auf eine fast übermenschlich harte Probe gestellt. Nicht die Begeisterung des Anfangs reißt ihn noch von Sieg zu Sieg einen! nah geglaubten Ziel entgegen. Wohl dem, der sein Heldentum nach, einem trefflichen Worte unserer weisen darin bewährt, daß er sich selbst bezwingt, der fenl der Geimat, .nach seinen Lieben bangend, „einsam sitzet und geduldig trägt." Die Stärke des Willens läßt sich am einfachsten erproben, wo er scheinbar aufgehoben, - weil einem anderen willen untergeordnet wird. Auf keinem Gebiete tritt der erzieherische Einfluß der militärischen Schule so klar zu Lage, wie auf dem der Disziplin, ^er unbedingten Unterwerfung unter den Befehl des Vorgesetzten und des schweigenden Gehorchens. Freilich, die charakteristische Kraft der Subordination beginnt erst da, wo der Zwang als heilsam erkannt und das Gesetz freiwillig befolgt wird. Es ist schon viel gewonnen, wenn wir Inden, die wir zu Kritik und Widerspruch neigen,' uns wortlos zu fügen gezwungen werden und unser weitgehender Individualismus in der soldatischen Uniformierung seine engen Schranken findet. Aber das darf noch nicht alles sein, was unsere Alten von der Beschäftigung mit der Thora sagen, läßt sich mit einiger Freiheit auf den Dienst, des Vaterlandes übertragen; am Ende wird man ihn um seiner selbst willen üben, mag es auch im Anfang nicht so sein. Dem äußeren Respekt, wird sich beim verständigen.bald die innere Achtung gesellen, und das Durchdrungensein von der Notwendigkeit des Systems und die Ehrfurcht vor dem Großen, was geniale Führer mittels seiner leisten, wird die unvermeidlichen Fehler und Mängel im ein-