Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 37 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126586-3126588--2224-3129066- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ar. Aalzberger: Aus mrinem Kriegstagebuch X. 37 ist, in welchem Glatze es eine Disziplinierung der Begierden erreicht bat. Und endlich, daß es als ein Mittel zur Sicherung der in ihrem Zusammenhalt gefährdeten Gemeinschaft nur wirken kann, wenn diese Gemeinschaft es — tatsächlich beobachtet. Aus all dem folgt nur, daß man es-niemandem aufdrängen und niemandes jüdische „Substanz" um feiner Vernachlässigung willen verdächtigen soll, aber.rächt, daß inan, von doktrinärer Leidenschaft erfaßt, zum Vernichtungskriege dagegen auffordert, dessen Flammen andere — und zwar unbestreitbar wertvolle — religiöse (ebensgüter zerstören müßten. Den fehlenden Heroismus dieses Standpunktes ersetzt die ihm innewohnende Vernunft, die kein verständiger Mensch mit unaufrichtiger „Klugheit" verwechseln wird. Die nämliche Vernunft, die bekanntlich mit unnüttelbarem Gefühl und instinktiver Treffsicherheit oft so wunderbar übereinkommt, weit besser als der bloß kritische Intellekt, mahnt aber auch anzuerkennen, daß uns Juden ein Daseinszusammenhang umschließt, an Innigkeit das Blaß übersteigend, das ein bloßes Bekenntnis zu geistig-religiösen Wahrheiten bewirken kann. Geist and Schicksal und Blut haben uns zu dem geinacht, was wir sind. Das ist eine triviale Selbstverständlichkeit. Aber bisweilen ist es nötig, auch den Ausspruch von Banalitäten nicht zuscheuen. weil den: aber so ist, können wir keine Sünde'gegen das Deutschtum, dem wir uns ehrlich ergeben wissen, darin erblickenwenn wir uns des Zusammenhaltes und der Solidarität der Juden freuen, geschweige gar, daß wir diesen Gütern .entgegenarbeiten. Sei es aus keinem triftigeren Grunde als aus dem uns hauptsächlich bewegenden, dem religiösen: A)hne Gemeinschaft der Menschen keine Genreinschaft des.Glaubens. So lange Gedanken noch menschlicher Kirne bedürfen, um gedacht, und Taten noch menschlicher Persönlichkeiten, um ausgeführt zu werden, werden wir schon um die jüdischen Menschen besorgt sein müssen, und alles daran setzen, ihre Gemeinschaft zu erhalten, nicht aber einem „deutschen Jude '.um" zuliebe Selbstmord begehen. ÜU5 meinem Xrieg5tagebucst. Von Kabd. Or. 6eorg 5al2berger-?rankfurt a. Kl. XT\'. Umlernen (Fortsetzung und Schluß). „Wohl dem Mann, der schon in Iugendtagen lernt, das schwere Joch zu tragen, der einsam sitzet und. geduldig trägt, weil Lr es ihm auferlegt!" Unzählige Ulale werde ich im Felde an dieses tiefe Wort Jeremias erinnert. Ls ist wahr, das junge Geschlecht, das diese Zeit kämpfend und duldend erlebt, wird um den sorglosen Frohsinn der schönsten Jahre des Gebens betrogen. Auf unseren Jünglingen lastet drückend das schwere Joch eines langen bitterernsten Krieges. Und doch und gerade gilt von ihnen: „Wohl dem Mann....!" wir müssen eben auch hier umlernen. Glaubte das „Jahrhundert des Kindes" der Weisheit höchster Schluß sei, den jungen Menschen sich ausleben zu lassen, ihm nach Möglichkeit alle Anstöße und Kindernisse aus dem Wege zu räumen, so erweist es sich jetzt, wie recht einsichtige Erzieher mit der Mahnung hattet:, daß nur im Kampfe mit dem Strom der.Welt sich Charaktere bilden. Jüdische Väter und Mütter zumal waren in mißverstehender blinder (iebe eifrigst bemüht, ihrem Kinde die wirtschaftliche und gesellschaftliche (aufbahn so bequem und so glatt wie möglich zu gestalten; sie schreckten selbst vor der Charakterlosigkeit der Taufe nicht zurück, damit nur ja dem (iebling aus seinen: Glauben keine Ungelegenheit erwüchse. An Glätte ließ also der weg ins