Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o o •0*0 MüX Menrr: Jüdisches Judentum 35 Zerspaltung verzettelt; und kein allein von Gedanken nationaler Größe geleiteter Politiker wird leugnen, daß die «Zwangsbekehrung der Hugenotten, die Austreibung der Salzburger, die Drangsalierung gewisser englischer Sekten, die zu ihrer Auswanderung nach Amerika geführt hat, unter dem Gesichtspunkte nationaler Größe allein wohl gerechtfertigt war. wir glauben nicht, daß Kriegserfahrungen irgend welcher Art uns davon abbringen können, die Charakterstärke und Glaubenstreue, zu mehr als dies, den erlaub euen persönlichkeitswert der Menschen minder anzuerkennen, die in ihrem „Starrsinn" sich dem nationalen Machtinstinkt als recht unbequem erwiesen haben. wir haben mit Absicht krasse Beispiele gebracht, um das proBIem mit aller Klarheit ans Licht zu stellen. Lins wird uns jedenfalls daraus einleuchten: Ls ist ein zum mindesten irreführender Ausdruck, zu sagen, ich habe in erster Linie Deutscher und erst danach Zude zu sein; genau so, wie jeder rechte überzeugungsstarke Anhänger einer anderen Religion diese Alternative ablehnen müßte. Die Substanz des Menschen beruht nicht, zumal wenn er ein gebildeter, ein nicht bloß intellektuell, sondern moralisch gebildeter Mensch ist, in blinder Gefolgschaft aegenüber etwelchen Lebcnskreisen, in welche er — weiß Gott wie — bineinaekommen; sondern sie ist verankert in Gewissenhaftigkeit, Rechtschaffenheit des' Denkens, Lauterkeit des Empfindens, in unbestechlicher Reinheit, der. Gesinnung; mit einem Worte, in der Aufrichtigkeit und Gradheit des persönlichen Wesens. was folgt daraus? Linmal und zu allererst, daß - die Stimme unseres intellektuellen Gewissens uns davor -warnt, so heterogene Dinge zusammenzukoppeln, wie Man es tut, wenn National- und Religions-- bewußtfein auf eine Linie gestellt wird. Denn das geschieht doch offenbar, wenn darüber gegrübelt wird, was ich erstens und was ich zweitens bin. Lin Zionist oder vielleicht ein pole deutscher Staatsbürgerlichkeit und Kultur,. ..Menschen, die kein, einheitliches Nationalbewußtsein haben, mögen, von der Wucht 'großen deutschen Nationalerlebens erschüttert, dazu kommend a s oiner Revision zu unterziehen, was in ihrem Selbst jüdisch oder polnisch ist; denn dieses Selbst ist ja von Haus aus gebrochen und zerteilt; und es mag, wenn ihm nun die große Schicksalsfrage gestellt ist, den endgültigen Schritt auf die in ihm übermächtig gewordene Seite vollziehen. Und so sei auch die Behauptung riskiert, die alle psychologische Wahrscheinlichkeit für sich hat, daß diejenigen, die der Krieg darüber belehrt hat, in erster Linie Deutsche und erst in . zweiter Juden zu sein, mißratene S ta m m e s juden sind und weiter nichts, deren jüdisches Bewußtsein, von ihnen fälschlich als religiöses gedeutet, sich' in Wahrheit von rudimentär gewordenen Stammesgefühlen ernährt hat, dieweil sie die Religion sehr kalt gelassen. Sie haben es notwendig Deutsche zu werden, wer aber wie Samter ernsthaft glaubt, in seinem Judentum gar nichts anderes als eine „Konfession" zu besitzen, dem aber diese Konfession zugleich eine Religion ist, eine laute auch durch Patriotismus nicht zu beschwichtigende Mahnung zu Gewissenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit, der.sollte es ablehnen, zu numerieren und zu rubrizieren. Das ist das eine. Zum zweiten sei es gestattet, aus intellektuell-moralischem Reinlichkeitsbedürfnis heraus — auch einem Stück Religion zu bekennen, daß die jüdischen Menschen, unbeschadet aller Liebe zum Deutschtum, das ihnen Gegenwart und Zukunft ist, infolge der Gleichheit ihrer Geschicke und Geschichte, der Gemeinsamkeit des Blutes in Vergangenheit und doch wohl auch in Zukunft, eine Gemeinschaft bilden, die etwas anderes noch' bindet als allein die Religion. Diese Lin-