Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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fl o o o Aus der Jugendbewegung 21 hierauf verlas Herr Berger drei Briefe unserer Bruderorganisationen in Berlin, Hamburg und Posen, die sich mit der Wiederaufnahme und der Ausgestaltung ihrer Tätigkeit, befasson. Am Blittwoch, den 8. November fand unter sehr starker Beteiligung der erste Zyklus - Vortrag unseres Ehrenmitgliedes Herrn Rabb. Dr. Goldmann statt. Redner sprach zunächst von den Grenzen der Religion und Wissenschaft, die, wenn sie innerhalb ihrer Gebiete bleiben, sich niemals berühren können, beider aber hat die Religion sich bereits sehr früh Uebergriffe in das Gebiet der Wissenschaft erlaubt und sich ein Weltbild geschaffen, welches mit dem damaligen Stande der Naturwissenschaft übereinstimmte, das aber mit der fortschreitenden Forschung nicht mitging, sondern ihre einmal aufgestellte Sätze festhielt. Der dadurch entstehende Widerspruch zwischen Glauben und Verstand wurde schon früh versucht auszugleichen. Jede Religion tat es auf eine andere Art. Wie war es nun im Judentum? Hier hatte man eine so hohe Achtung vor der Wissenschaft, daß man ihr zu Liebe in das jüdische Weltbild so viel hineinlegte, drehte und deutelte, bis es mit der herrschenden Weltanschauung übereinstimmte. Diese Methode, die Relionsphilosophie, hat dem Judentum sehr geschadet. Denn es liegt in diesem Ausgleichsversuch eine große Geringschätzung der Religion des Judentums, die es nicht notwendig hat, sich zu verstecken. Die verschiedensten Zeitstromungen sind über den Felsen des Judentums dahingebraust, aber sie haben nicht vermocht, die ewigen Werte desselben zu vernichten. Es soll damit nicht gesagt sein, daß unsere Religion sich nicht verändert hat; nur in der Entwicklung ist Leben, ihr großer Fehler bestand und besteht noch darin, daß sie sich nach Zeitströmungen orientiert. Wenn diese verschwinden, dann läuft das Judentum, wenn es sich ihnen ganz verschrieben hat, Gefahr, selbst unterzugehen. Nur aus eigener Kraft und auf dein Boden des Judentums sollen wir unseren Glauben fortentwickeln Der Liberalismus muß das Selbstbewußtsein haben, dasjenige, was im Judentum noch Bedeutung hat, auch zu erhalten. Der Herr Redner schloß mit einem kurzen Ueberblick über die nächsten Vorträge. Seine Worte lösten stürmischen Beifall aus, bem der Leiter der Versammlung noch besonderen Ausdruck gab. Eine Diskussion wurde nicht gewünscht. Am ,s4. November fand unser 2. Leseabend statt, an dem eine recht rege Aussprache über die Ausgestaltung der vercinstatigkeit erfolgte, die Herr Alfred Berger leitete. Unser 2. Zyklus-Vortrag am 2s. November zeigte wieder einen sehr starken Besuch. Herr Erich Bayer eröffnete die Versammlung und teilte mit, daß in der letzten Vorstands-Sitzung Herr Dr. phil. Nellhaus in den Vorstand gewählt wurde, da durch weitere Einziehungen von Vorstandsmitgliedern eine Zuwahl mit Rücksicht auf die wachsende Znnenarbeit erforderlich erschien. Unser Ehrenmitglied, Herr Rabbiner Dr. Goldmann, hielt hierauf seinen angekündigten Vortrag: Das Problem des freien Willens. Der Redner führte etwa aus: Man muß bei' diesem Problem einen scharfen Unterschied zwischen der naturwissenschaftlichen und religiösen Seite machen. Nach der jüdischen Anschauung ist das Wollen natürlich frei, denn ohne diese Voraussetzung gäbe es ja keine Sittlichkeit und ohne Sittlichkeit auch keine Religion. Die Thora hat sich mit dieser Frage sehr, eingehend befaßt und ihr Satz: „ Siehe, ich lege in Deine Hand Segen und Fluch, Du sollst wählen", gibt uns einen klaren Aufschluß über ihre Stellungnahme. Die Idee der Versöhnung im Judentum hat ja auch nur dann Sinn, wenn der Mensch sittliche Freiheit besitzt, wenn er sich selbst durch eigene Arbeit erlösen kann. Auch die Selbstüberwindung, di.ser Sieg des Göttlichen über die tierische Natur im Menschen, ist nur eine Folge unserer Willensfreiheit. Im schärfsten Gegensatz zu dieser Anschauung steht Baruch Spinoza, der die Lehre aufgestellt hat, daß al'es Vorherbestimmung ist. Der Mensch ist nicht frei, sondern' sein ganzes Wollen und handeln erfolgt unter einem Zwange, von dein er natürlich nichts merkt. Daß es für Spinoza daher keine Sittlichkeit geben kann, ist natürlich: für ihn sind gut und nützlich, ebenso wie böse und schädlich oder weniger nützlich identische Begriffe. Der Pantheismus sagt: Gott und die geistige und körperliche Welt decken sich. Nach unseren Anschauungen ist Gott mehr als diese; er steht über den Dingen. Zum Glück war Spinoza keine Kampfnatur, er hätte sonst dem Judentum unendlichen Schaden zufügen'können. Zu