Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3126481-3126586-3126587--2196-3129037- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Id Dw- Kalzderger: Aus meinem Kriegstagebuch IX. Felde, wo der Softdt mit feinen Kameraden Tag und Nacht vielleicht jahrelang zusammen siebt und liegt und iK und schläft, da sieht Liner dem Anderen kW auf den Grund des Herzens. Die Phrase P verpönt, die Maske fällt, und der Mann «ad nach seinem innersten Kern gewertet. Dar eien, Stände, Konfessionen kommen sich näher, als es irgend wann und wo sonst möglich wäre. Vorurteile, die zwischen geraffen Klassen bestehen, werden berichtigt; mau begreift das Gute «auch am Andersartigen und versagt ihm nicht mehr die DaseinsberechtigUM. Bei aller FähigkM zu denken und zu urteilen, haben doch auch wir Juden Unsere Umgebung nicht immer nife ungetrübtem Blick gesehen; das erkennen rair nun indem engen und innigen Zusammenleburmit Andersgläubigen. Der Fehler, der uns grgenüber so oft begangen wird, nämlich den Ausnahmefan zur Regel zu stempeln — auch wir können uns von ihm nicht freisxrechen. Aber es ist nur natürlich, daß die Mehrh^ in deren Mitte wir leben, über uns Mindwhctt viel weniger unterrichtet ist als UmgEehrt. wie mir so ist es gewiß vielen jüdischen Kameraden ergangen: sie haben in GsKrächen mit ch.istlchen Mannschaften und Offiireren, auch sonst durchaus gebildeten, eine erstaunliche Unkenntnis über Geschichte und wichen des Judentums gefunden. Kaum Linar wußte auch nur rzu sagen, wieviel Juden m Deutschland leben; ihre -Zahl wird in der Regel um das Sechs- bis Achtfache zu hoch geschätzt. Selbst wohlmeinende sind davon durchdrungen, daß das Judentum darauf auÄgrhe, wi.tfchafllich und geistig die w.lt zu erabern, von anderen oft wiederholten Märchen ganz zu schweigen, wie viel nützliche Aufklärung kann hier der jüdische Mann unter Mrnnschaften, der Offizier, der Arzt unter (HMicreu, ganz besonders aber der FUdrabbinar in weitesten Kreisen verbreiten. Zch habe häufig Gelegenheit, mit Leuten aus dem Volke, etwa in Lazaretten, mit Geistlichen der beiden anderen Konfessionen, mit hohen und höchsten Offizieren über £>te Zudenfrage zu sprechen, und nehme jedesmal den Lindruck mit, daß eine offene Aussprache für beide Teile höchst lehrreich ist. Wertvoller noch als alle Worte ist, daß die Anderen uns in unserer Betätigung als Juden kennen lernen. . Ich habe es daher mir großer Freude und Dankbarkeit begrüßt, daß wiederholt Divifions- und Korpskommandenre unsere Feldgettesdienste besucht haben. Zuerst kam einer der lZerren in Begleitung seines 2ldjutauten gänzlich überraschend; auf seine Veranlassung ein anderes Mal ein zweiter Kommandeur ftitt feinem Adjutanten u. f. f., so daß innerhalb vier Wochen vier Generale uns durch jhr Erscheinen auszeichneten. Die innere Anteilnahme, die unsere Andacht bei ihnen erweckte, haben sie alle in den wärmsten Worten an mich Und meine Gemeinde ausgesprochen. Dabei war ihnen, abgesehen von der Dredigr, die Liturgie nur durch die Übersetzung des Feldgebetbnchs verständlich. Aber ein Gebet wie das Kaddisch für die gefallenen Beüder, mit einigen passenden Worten eingeleitet und von der ganzen Versammlung nachgesprochen, übte auch in der Ursprache die sichtbar tiefste Wirkung auf sie aus. Diese Männer, die ein selten offenes Auge und ein unbestechliches Urteil besitzen, haben zwar nur einen ersten flüchtigen Einblick in unser religiöses Leben genommen, aber das Bild, das sich ihnen eingeprägt, dürfte für alle ihre Vorstellungen pon jüdischer Religiosität maßgebend bleiben. Ein besonders eindrucksvolles Erlebnis möchte ich in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen. Jüdische Kameraden, meist Frankfurter, hatten aus dem Bedürfnis nach einem eigenen Betraum heraus eine „Waldsynagoge" errichtet. Aus halber Höhe eines waldigen Gugels chatten sie rings um .eine stämmige, man möchte fast sagen, deutsche Eiche den Boden planiert. Ein Geländer von