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Liberales Judentum · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1917) · p. Seite 9

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Br. §al;brrger: Ans meinem Kriegstagebuch IX. soll zum Mittelpunkt eines Staatenbundes werden, der den ewigen Frieden verbürgt: „wenn mit diesem Kriege die letzten Schatten verscheucht werden, welche die innere deutsche Einheit verdunkeln, dann wird über alle Schranken der Religionen und der Aus meinem Kriegstagebuch. Von Rabb. Dr. Georg Salzberger-frankfurt a. JTl. IX. Um lernen. ag der Krieg sich auch mehr und mehr zu einem unermeßlichen Unglück für den Einzelnen sowohl wie für die Völker der Welt auswachsen, so bleibt doch wahr, daß er eine unvergleichliche Schule für uns Menschen sein kann. Wer nur die Empfänglichkeit des Serzens und den willen zum lernen sich bewahrt hat, der vermag hier zu lernen, nicht totes unfruchtbares, sondern lebendiges fruchttra-, gendes wissen, wie es allem die harte Schule des Gebens zu lehren weiß. In den meisten Fällen wird dies lernen ein Umlernen sein, das unserem verbildeten verstand und unserem verkümmerten und verbogenen Willen not tut, und es wird gründlich sein, ie unmittelbarer wir diesen Krieg erleben, gründlicher also für den Mann im Felde als für den Menschen daheim. ' In eine gänzlich andere Welt als die bisher gekannte ist der Mann im Felde gestellt. Zeit, die ihm sonst Geld', ja Leben selbst bedeutete, gilt hier wenig oder nichts. Tage, Wochen, Monate fließen eintönig dahin; da gibt es keine fjaft und Unruhe, als könnte man eine Stunde vergeuden und verlieren; man,hat Zeit in Fülle. Der Raum dagegen erhält eine ungeahnte Bedeutung: ehedem ward er mit den Mitteln des modernen Verkehrs spielend überwunden, Riesenentfernungen schrumpften dem Reisenden zu einer kurzen Linie zusammen; fetzt muß fast jede Strecke Wegs zu Völker hinweg der wettbürgerliche Geist der deutschen Sumanität auf der Grundlage der deutschen Rationalität, der deutschen Eigenart in seiner Wissenschaft, seiner Ethik und seiner Religion die anerkannte Wahrheit der Weltgeschichte werden." Fuß zurückgelegt, jeder Fußbreit Boden mit Aufbietung aller Kräfte gegen den Feind gehalten oder ihm abgerungen werden. Die! Dinge, die im Raume sind, gewinne,: damitj ein neues Gesicht. Der Soldat kennt jeden! Baum, jeden Stein vor'rn Graben oder am weg, er beobachtet das wachsen der Pflanzen, das rieben der Tiere um ihn her; Sonneiraufgang und -Untergang, die Sternenbilder an, nächtlichen Himmel werden ihm so vertraut wie. dem Städter die Straßen seiner Vaterstadt. Ls ist eine allgenreine Rückkehr zur Ratur. Der Kopfarbeiter wird wieder zum Sandarbeiter, der Handelsmann zum La„dnrann. ' Es braucht kaum gesagt zu werden,! daß solches Unrlernen gerade für uns Juden,! die^wir zunreift aus den Städten kommen, einseitig auf den Intellekt, auf abstraktes begriffliches wissen und so selten auf beine Anschauung eingestellt sind, eure wahre Gesundung bedeutet, wir kehren damit nach einer fahr-! Hunderte langen, durch die Verhältnisse uns aufgezwungenen bloß logische,r Schulung zu den, biblischen Erziehungsziel der „daath“ zurück, die nicht so sehr unserem „Wissen" als vielmehr unserer „Erkenntnis" entspricht. Ungleich wichtiger als für das wissen von den Dingen ist diese Erkenntnis für das wissen von den Menschen. Mit unzähligen Menschen führt uns unser friedlicher bürgerlicher Beruf zusammen; wie wenige davon lernen wir wirklich kennen und verstehen. In,

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