Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1917) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3126481-3126586-3126587--2194-3129035
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i IIr. Schweitzer: Hermann Cohen und die Stellung der Juden im deutsche» Nolkr ° ° )as religiöse Heil des Menschen nur durch >ie eigene sittliche Avbrit begründet. Nachdein (Loben m überaus anregender Meise die Hauptgedanke des Judentums aufzudecken gesucht hat, focht er die innere Verwandtschaft zwischen Deutschtum und Judentum in einem anderen Zentrum des Nationalgeistes, nämlich in drr Kunst zu begründen, und hierbei wählt er die Lyrik, weil diese der» Grund quell allar Poesie bildet. Die schönste NationaleigenLnlichkeit der deutschen SLyrif ist nach Lohen die Vereinigung von Sehnsucht und EhrfÄlcht, diese aber verdanken wir Luthers BLweisterung für die Psalmen, aus denen eine Menschheit, eine Lauterkeit in unser Liebcsbrd gekommen ist, wie wir sie in solcher Verbwrduug mit der Naturgewalt der Leidenschaft in der.Lyrik keines anderen Volkes finden. Zn der Vereinigung von Schiller und Goctche erblickt Lohen die Vollendung des deutschen Geistes. Line ähnliche paucklclc zieht Lohen des ferneren zwischen der deutschen Musik, die ihre'Erhabenheit ihrem religiösen Ursprünge, dem Lhorale verdarÄtz und der das ganze Kultusjahr dürchziehaiöen jüdischen Ulusik. Lohen sucht auch historisch nachzuweisen, wie deutscher und jiBrscher Geist einander befruchtet haben. Gviadc in Deutschland haben die Juden niemals in geistiger Isolierung von dem Leber ihres Heimatlandes gestanden. Sie haben ssthon an der Bearbeitung mittelalterlicher poetischer Stoffe, an der Artussage, an' Tristan und Isolde mitgewirkt, und es war diese deutsche Literatur der Juden in reinem Deutsch, nicht in Jargon gesckrieben. Erst Moses Mendelssohns Verdienst aber ist es, daß er das Deutschtum zu einer Lebenskraft des Judentums gebildet hat. Die Engheit und EinseitigkcAMoses Mendelssohns erklärt sich aus seiner historischen Stellung. Lohen verwirft die ^luMssung Mendelssohns, wonach das Judentum nur ein Judentum des Gesetzes ist. Das Gesetz selbst erhält seine Wahrheit erst durch die religiöse Erkenntnis k und die religiöse Liebe. j Für Lohen ist die deutsche Kultur eine f Kultur des Klassizismus. Der eigentliche Be- I gründer der deutschen Ethik ist Kant, der in seinem kategorischen Imperativ das Ich im empirisch und isolierten Sinne zu einem Ich der Menschheit im idealen Sinne erweitert hat. Die Menschheit ist der Grundbegriff der Kantschen und damit der deutschen Ethik überhaupt; und so steht auch der Sozialismus _ nicht im Gegensatz zur deutschen Ethik, sondern er ist im Gegenteil aus dieser deutschen Ethik hervorgegangen. So kann Lohen die Brücke schlagen zwischen der deutschen Ethik und der jüdischen Ethik, denn im Mittelpunkt der jüdischen Ethik stand, und gerade dies hat Lohen mit besonderem Nachdruck hervorgehoben, und in tiefster weise begründet, der Messianismus der jüdischen Propheten. Die Lehre - von der Gotteskindschaft aller Menschen nmßte gerade -er deutschen Ethik entsprechen. So hat der' Messiasgedanke eingewirkt auf die Entwicklung des deutschen Humanismus, und umgekehrt hat der deutsche Humanismus aufs tiefste die jüdische Religion befruchten können. Es war daher kein Zufall, daß der Deutsche Abrahain Geiger zuerst das Judentum als Weltreligion gepredigt hat. Die pre- - digt und die Wissenschaft des Judentums gehen auf deutschen Ursprung zurück. Deutschland ist das Mutterland der jüdischen Seele, und darum haben die Juden der ganzen Welt, unbeschadet ihrer nationalen Pflichten, Pietätspflichten gegen Deutschland, die sie nicht leichtherzig außer acht lassen sollten. Lohen glaubt, daß auch die jüdische Religion ein wertvoller Faktor der deutschen Kultur ist, insofern als sie einen Schutz gegen den Mystizismus darstellt. So glaubt Lohen an .das Judentum sowohl, wie an das Deutschtum. Deutschland

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.