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Liberales Judentum · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1917) · p. Seite 5

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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l°0 Ar. Schweitzer: Hermann Cotzrn und dir Stellung der Inden im deutschen Uolkr - 5 Hermann (oken und die Stellung der Juden im deuftchen Volke. Von Referendar Dr. Ernst €mil Lckweiher-Lresiau. atbiner Dr, Cäsar Seligmann hat im Januarheft des liberalen Judentums (Jahrgang (916) gelegentlich seiner Besprechung von Cohens „Deutschtum und Judentum" auch seinerseits zu der Legende von der Zwiespältigkeit des -deutschen und jüdischen Geistes, von der angeblichen Zerrissenheit und dem seelischen Dualismus der jüdischen Deutschen Stellung genommen, und er hat mit Recht darauf hingewiesen, daß Her mann Gehen schon als Persönlichkeit beweise, zu welche wunderbarer Harmonie sich deutsches und jüdisches Fühlen vereinigen. Von dieser großartigen Geschlossenheit des Charakters, von diesem tiefen' Lrleben deutschen und jüdischen Geistes zeugt auch die neue Arbeit, die Cohen über dasselbe Thema in dem von Thimme herausgegebenen Sammelwerke „Dom inneren Frieden des deutschen Volkes" (S. Hirzel, Leipzig (9(6) veröffentlicht. Bur auf die Grundgedanken der ausführlichen wissenschaftlichen Darstellungen Cohens kann hier eingegangen werden. Alan erinnert sich, wie den liberalen Rabbinern in dem Richtlinienstreit es von orthodoxer Seite (Dr. wohlgemuth). zum ganz besonderen Vorwurf gernacht wurde, daß sich ihre religiösen Anschauungen rnit denen des liberalen Christentums berühren. Seligrnann hat damals sehr zutreffend erwidert: „Sollen wir aus lauter bürgst davor, daß das liberale Christentum nach (800 Jahren feine unterscheidenden Dogmen abzuwerfen beginnt und darum der Mutterreligion, von der es sich durch eben diese Dogmen einst getrennt hat. wieder ähnlicher wird — sollen wir aus lauter Angst davor uns immer mehr in unser Schneckenhaus verkriechen? Sollen wir das Tute, was wir der Welt gebracht, nicht mehr als gut ansehen dürfen in dem Augenblick, wo es sich siegreich Bahn bricht? wird unsere jüdische Wahrheit dadurch geringwertiger, daß sie sich die Welt erobert? Soll die vornehmste Aufgabe des Judentums immer nur darin bestehen, anders zu sein als die anderen? Selbst auf Rosten seines wesentlichen und edelsten Inhalts?'" („Line Abrechnung mit Herrn Dr. wohlgemuth und mit den Erklärungen gegen die Richtlinien" Frankfurt a. M. bei 3- Kanffmaim (9(0/ ß- 57/58.) Dieser.Gedanke wird von Cohen nicht unmittelbar ausgesprochen, er liegt aber seinem Ideenkreise zu Grunde. And so kann Cohen mit aller Offenheit erklären, daß im wissenschaftlichen Sinne eine wahrhafte sittlich-religiöse Differenz zwischen Judentum und Christentum nicht besteht. „Denn die moderne Religiosität, zumal in Deutschland, hängt sich nicht rnehr vorzugsweise an den Text der Dogmen, sondern sie sieht den Rern des Glaubens, sie sucht seine Wahrheit in den Grundzügen der religiösen Sittlichkeit , für das menschliche Individuum, wie für die Völker der Menschheit. Als Offenbarung wird nicht sowohl die des göttlichen Wesens als vielmehr die der menschlichen Sittlichkeit gedacht und verehrt, Auch der schrecklichste Rrieg aber kann uns nicht aus dem messianischen Geleise der israelitischen Propheten Herausreißen, so daß wir das höchste Ziel der allgemein menschlichen Sittlichkeit aufgeben, an der Zukunft der Menschheit und an der göttlichen Vorsehung in der Geschichte verzweifeln könnten." (Seite 55(.) Cohen wiederholt hier, was er schon früher immer wieder betont hat: in dem Messiasgedanken der Propheten, in dem Glaubön an die göttliche Vorsehung in der Geschichte und in dem hiermit eingeschlosse neu Glauben an Gott — in ihrer reli giösen Sittlichkeit also — sind die Grund - lagen der jüdischen Religion zu erblicken.

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