Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Ar. Schweitzer: Mach den Feiertagen „Richtlinien" auch einmal gelesen hätten, dann konnte man ein aufrichtiges Nein vernehmen und Zugleich eine Berufung auf den und jenen, dem sie in ihrer Verurteilung des liberalen Judentums und seiner angeblich so großen Gefahr für den Bestand des Judentums folgten. Andere unter unseren Glaubensgenossen und nicht zum wenigsten diejenigen, welche das liberale Judentum wieder für das Judentum gewinnen möchte, lassen sich in ihrem Urteil über das Judentum durch die Darstellungen nichtjüdischer Gelehrten bestimmen, die Lei allem ihrem Bestreben dem Judentum gerecht zu werden, eben doch aus naheliegenden Gründen von gewissen Vorurteilen sich nicht frei machen können. . Darum müssen wir von den Anhängern des liberalen Judentums verlangen, daß sie sich ihre Belehrung über das Judentum zunächst aus den Quellen und aus jüdischen Büchern holen. Dann können sie ruhig zum 'Vergleich die Darstellung nichtjüdischer Forscher heranholen und sie werden selbst zu entscheiden vermögen, was sie von ihnen zu halten haben. Aber nicht bloß für unsere innere religiöse Entwicklung ist es nötig, daß wir mit der genauen Kenntnis des Judentums uns rüsten. Es läßt sich heute noch nicht Voraussagen, in welcher Weise dieser große Krieg feine Wirkung auf die Stellung des Judentums im Staate zeigen wird. Sollten nach dem Kriege die Vorurteile gegen das Judentum, die Vorwürfe und Anklagen gegen seine Lehren und seine Bekenner nicht verstummen, so wissen wir Juden, wenn wir die nötige Kenntnis des Judentums uns ungeeignet haben, was es mit jenen Anfchuldi- . gungen für eine Bewandtnis hat, wir wissen aber auch, wie wir ihnen begegnen können und wie wir alle diejenigen unter uns, welche sich Verfehlungen zu Schulden kommen lassen — und warum sollte es diese unter uns "nicht ebenso gut geben wie unter den Andersgläubigen? — als nicht auf dem Boden des Judentums stehend und nicht zu uns gehörend von uns wegweisen können. Und sollte nicht der Kampf, den unser deutsches Vaterland gegen Haß und Neid und Verleumdung zu einem hoffentlich guten Ende führt, auch uns Juden . zum treuen Festhalten. an unserem Judentum und zum unentwegten Ausharren beim Kampfe für unser gutes Recht gegen und Neid und Verleumdung begeistern, zu einem Kampfe, der ja eigentlich unser geschichtlicher Beruf ist und' der sicher zum Siege führen wird? ITcich den?eierfagen. €in Gefprädi im Rnroaltszimmer einer Grojjftadt. Von Referendar Dr. €rnft €mil Schroei^er-Breslau. Justizrat A.: Also, lieber Kollege, Sie sind plötzlich zur Orthodoxie übergegangen; Sie, der mir stets als einer der feurigsten Anhänger des liberalen Judentums erschien. Rechtsanwalt B.: Fällt mir nicht ein! Darf.ichfragen, wie Sie auf dies m merkwürdigen Gedanken kommen? Justizrat A.: Man erzählt mir', daß Sie jüngst einen Termin vertagt haben mit der Begründung, daß Sie am Neujahrstage nicht verhandeln wollen. Rechtsanwalt B.: Dies muß ich zugeben. Ich gestehe sogar, daß ich es bedaure, daß eine Reihe von jüdischen Kollegen so gar keine Bedenken tragen, Termine auch an den hohen Feiertagen wahrzunehmen. Justizrat A. : Nehmen Sie es jetzt so genau? fjanfc aufs Herz: haben Sie am Neujahrstage auch keine Feder angerührt? Und sind Sie den Weg zu Ihren Schwiegereltern zu Fuß gegangen? * Rechtsanwalt B.: Aber eben darin zeigt