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Liberales Judentum · 1916-11-01 · Heft 11-12 (November 1916) · p. Seite 125

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 11-12 (November 1916)
Date
1916-11-01
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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Ar. Ginstern: Frie-rnsarbeit im Kriege 125 res daneben" zu Tage fördert, das nicht auf der Höhe steht, ist sicherlich keine Eigentümlichkeit des Judentums. Aber beim Judentum sieht man so gerne nur das „noch sehr viel andere 'daneben", das man anderswo liebevoll verdeckt und verschweigt, ‘ und häufig genug mißt man das älteste Judentum, das doch auch seine Entwicklung hatte, mit dem Maßstab der Gegenwart. Ls soll nicht unerwähnt bleiben, daß Meinhold sich bemüht, dem Judentum gerecht zu werden, daß er auch Worte der aufrichtigsten Anerkennung findet. Aber schließlich kann auch er — wenn ich so sagen darf — nicht aus seiner Haut. Darum muß unter der im Judentum gebotenen Liebe zu Gott „mehr die emsige und ängstliche Betätigung in kultischen und zeremoniellen Dingen und das strenge Festhalten des Glaubens an nur einen Gott, den Iahv^. von Israel" verstanden werden und „bei dem Nächsten mochte man nur an den Volksgenossen oder an den zum Volksgenossen gewordenen proselyten denken." (5. ^.) Also hat man die Stelle im 5. B. 2TC. 10,33. 3H immer noch nicht gefunden oder noch nicht verstanden, wo es heißt: „wenn ein Fremdling bei dir in euerem Lande ivohnen wird, den sollt ihr nicht schinden. Er soll bei euch wohnen, wie ein Einheimischer unter euch, und sollt ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Aegyptenland. Ich bin der Herr euer Gott."*) (vergl. 5. Buch M. \0, \?r *) Zweifellos hat der Herr Professor an dieser Stelle (3. BI. Rk. >0,3H) unter, dem ger, dem gegenüber die Nächstenliebe geboten ist, den „zum Volksgenossen gewordenen jDrofelyten" verstanden. Wie will er dann aber die Begründung dieses Gebotes erklären: „Denn gerim wäret ihr im Lande Aegypten"? Solche Kunststücke wären nicht nötig, wenn man dem Judentum die Vorschrift allgemeiner Nächstenliebe zuzugestehen sich entschließen könnte. Wir übersetzen ger mit „Fremdling". 0. 0). — Wenn Anderes, Besseres, Edleres sich im Glauben der jüdischen Gemeinde findet, das über den „Gesichtspunkt der Nützlichkeit" hinausgeht, so wird. es wohl von Meinhold anerkannt, „aber es steht doch im Gegensatz zu der herrschenden Gemeind eorthodoxie". Auf diese ist Meinhold auch weiter nicht gut zu sprechen, wo er die talmudische Entwicklung schildert. (Stück 8, S. 53 ff. Stück \2, S. 85 ff.) Und er leistet sich das große Wort: „das Judentum selbst aber hört von nun an (von dem Untergang Jerusalems und des jüdischen Reiches im. Jahre 70 n. Thr. an) auf, wetterhin ein Faktor der geistigen Kultur der Menschheit zu fein." (S. 85.) Möge darüber die „herrschende Gemeindeorthodoxie" den Herrn eines Besseren belehren! Mir kam es nur darauf an, an einem neuen Beispiel, dem man große Vorzüge gegenüber seinen Vorgängern nicht absprechen kann, zu zeigen, daß für uns Juden große. Vorsicht in der Benutzung nichtjüdischer Bücher geboten ist, wenn wir uns über das Juden-. tum belehren wollen. Kenntnis des Judentums ist aber für den liberalen Juden eine unbedingte Notwendigkeit. Nur auf der Kenntnis des Judentums und seiner geschichtlichen Entwicklung kann sich das liberale Judentum aufbauen, wenn es auf festem Boden stehen will, und es genügt wahrlich nicht, daß die Führer des liberalen Judentums diese Kenntnis besitzen. Denn sie verlangen von ihren Anhängern nicht blinde Gefolgschaft,. sondern begeisterten Anschluß, wie er nur aus der selbst gewonnenen Ueberzeugung fließen kann. Man konnte beim Beginn der liberalen Bewegung so vielen unter unseren Glaubensgenossen begegnen, die mit den schärfsten Worten diese Bewegung verurteilten. Und wenn man sie fragte, ob sie denn mit dieser Bewegung sich näher beschäftigt hätten, ob sie die von ihnen so gründlich verdammten

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