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Liberales Judentum · 1916-11-01 · Heft 11-12 (November 1916) · p. Seite 123

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 11-12 (November 1916)
Date
1916-11-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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Ar. Ginstein: Friedensarbeit im Kriege 123 muß, das muß doch auch zugegeben werden, sollen sie keine Juden sein, um nicht liberale Juden zu sein? wer anders denkt, wer durch, eine andere Form der Uebung des Judentums sich mehr angezogen fühlt, dem ist sein freies Recht auch weiterhin zugestanden, wie es ihm niemals versagt war. Aber dasselbe freie Recht gebührt auch dem liberalen Judentum. werden diese allgemeinen Grundsätze anerkannt, so wird es auch nicht unberechtigt erscheinen, wenn allen Anhängern des liberalen Judentums es als ihre Pflicht eingeschärft wird, auch so lange der Krieg währt, an der Verwirklichung der Ziele des liberalen Judentums zu arbeiten, damit, wenn die'Friedensglocken läuten, die Heimkehrenden eine Stätte finden, wo sie ihre wieder erwachten religiösen Bedürfnisse nach ihrem Wunsche und ihren sonstigen Lebensanschauungen entsprechend befriedigen können. Wie das im einzelnen zu geschehen hat, das läßt sich kaum in allgemein gültige Regeln fassen. Aber zweifellos muß für alle die Erlangung einer genauen Kenntnis der Zehren und Vorschriften des Judentums und seiner Geschichte im Vordergrund stehen. An Hilfsmitteln dazu fehlt es nicht. Ich denke in erster Linie an die Kenntnis der Bibel, die so vielen draußen Beruhigung und Aufrichtung, Hoffnung und Zuversicht brachte, die sie stark macht, das Schwerste mutig zu ertragen und freudig in den Tod zu gehen. Für die Zeit des Krieges felbst bietet das Bibellesen den im Alande Zurückgebliebenen in ihrer Besorgnis und in ihrem Kummer dazu noch einen festen Halt und eine nimmer wankende Stütze. Denn es befestigt im Glauben an Gott, im vertrauen auf seinen Schutz und seine Hilfe, in der demütigen Ergebung in seinen unerforschlichen Ratschluß. Für uns Juden ist es aber besonders nötig, daß wir unsere Religion aus ihren Quellen kennen lernen, Weil immer noch - so viele christliche Gelehrte am Werke sind, das Judentum so darzustellen, wie es ihrer Absicht, das Judentum als minderwertig, als veraltet und überholt erscheinen zu lassen, am meisten entspricht. Da ist eben Wieder ein hübsches Büchlein erschienen: Geschichte des jüdischen Volkes von Professor Dr. Hans Meinhold (Leipzig, Quelle & Meyer, W6, Sammlung:. Wissenschaft und Bildung Nr. (33, Preis (,25 jMk.), ein Büchlein, das vor vielen seiner Art große Vorzüge besitzt, zumal es die Entwicklung des Judentums bis gegen das Jahr 600 n. Ehr. verfolgt, von vielen hergebrachten Irrtümern frei ist und recht viel Wissenswertes bietet. Ls liest sich leicht und angenehm und dient in gleicher weise der Unterhaltung und Belehrung. 2lberdas Büchlein ist doch mit einer - gewissen Vorsicht zu gebrauchen, wenn man Behauptungen findet wie S. ^3: „dieses Hauptdogma der jüdischen Gemeinde" — die genaue Vergeltung — „mußte schließlich die Selbstsucht zur Hauptwurzel der Religion machen. Das „Ich", sein Glück, sein Fortkommen tritt nun in ganz unberechtigter weise in den Vordergrund, wohlgemerkt das „Ich" des israelitischen Mannes: die Frau kommt kaum in Betracht. . . . Auch im Dekalog, der sich durchaus an den Mann wendet und nur an ihn, erscheint noch die Frau neben Knecht und Magd als Besitzstück des Mannes" — so hat man ein gutes Recht, bedenklich den Kopf zu fchütteln und zu fragen: von. wannen kommt dir diese Wissenschaft? Diese jüdische Selbstsucht, die ^auf das persönliche Glück hinzielt, ist doch wohl allen Religionen gemeinsam. Alle ohne Ausnahme wollen ihre Bekenner glücklich machen, und ob es gerade berechtigt ist, das Glück, das die jüdische Religion ihren Bekennern verschaffen will, ein falsches zu nennen, das muß doch fraglich erscheinen, wenn man sich beispielsweise daran erinnert, daß es 5. B. Mos. 8,3

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