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Liberales Judentum · 1916-11-01 · Heft 11-12 (November 1916) · p. Seite 122

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 11-12 (November 1916)
Date
1916-11-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 Ar. Einstein . Friedensarbeit im Kriege gemeinsamen Ziele — das sollte auch auf religiösem Gebiete für uns mit diesem Kriege erreicht werden. Die verschiedenen Parteien, die sich vor Ausbruch des Krieges auch in unserem Vaterlande oft recht feindselig gegenüberstanden und hart bekämpften/ die haben im Kriege wohl nicht vergessen, was sie trennt. Sie haben aber zur Erreichung des allen gemeinsamen Zieles sich vereinigt und den Austrag ihrer Zwistigkeiten auf bessere Zeiten vertagt. Auch auf religiösen: Gebiete wurde der Burgfrieden eingehalten, ohne daß die verschiedenen Richtungen ihren Standpunkt aufgegeben hätten. Soll das von allen heiß ersehnte Ende des furchtbaren Ringens und Rlordens mit den verheerenden und zerstörenden Kriegswaffen den Wiederbeginn der inneren Streitigkeiten mit derselben Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit, mit derselben Verbitterung und derselben Gehässigkeit wieder eröffnen? Soll das Judentum, dem Einigkeit zum Kampfe gegen den äußeren Feind so dringend not tut, durch die in ihm bestehenden jDarteigegensätze sich zerfleischen? Können die verschiedenen Richtungen mit dem Blick auf das gemeinsame Ziel, den Bestand und die Anerkennung des Judentums, sich nicht vertragen? Alan hat so oft davon geredet, daß der Krieg die Herzen wieder der Religion geöffnet hat und viele, die ihren Gott verloren hatten, wieder zu ihm zurückführte. Soll dieser Kriegsgewinn verloren gehen? soll er unbenutzt bleiben? Es ist nicht anzunehmen, daß alle diejenigen, die früher der Religion kalt und gleichgültig, wenn nicht gar feindlich gegenüberstanden und jetzt ihr wieder gewonnen sind, ausnahmslos der strengeren Richtung, die sich gerne die orthodoxe nennt, sich angeschlossen haben oder nach beendigtem Kriege anschließen werden. Wer bisher jeder Uebung der Religion sich fern gehalten hat. der dürfte auch unter dem Einfluß des Krieges nicht dem Formalismus sich zugewendet haben, jener Richtung, welche der peinlich strengen Befolgung jedes durch das Altergeheiligten äußeren Brauches den entscheidenden Wert beimißt. Aber, auf der anderen Seite möchte er gewiß nicht das religiöse Empfinden, das ihm ins Herz eingezogen ist und ihm so viel wahre Beseligung gebracht hat, im Frieden ohne Betätigung verkümmern lassen. So scheint mir durch den Krieg ganz besonders der Böden dafür bereitet zu sein, daß die Bestrebungen des liberalen Judentums immer mehr der Verwirklichung entgegengeführt werden. Das liberale Judentum denkt nicht an die Abschaffung und Vernichtung des Judentums. So viele geneigt waren, solches von ihm anfänglich zu behaupteu und durch diese Behauptung dem liberalen Judentum blinde Feindschaft, sich selbst und ihren Anschauungen großen Anhang zu schaffen: — heutzutage dürfte mit solch bedenklichen Schlagwvrten nichts mehr zu erreichen sein. So wenig es heute berechtigt wäre, den Parteien, welche im Widerspruch LU dem herrschenden System in der Staatsregierung sich befinden, die Vaterlandsliebe und die Dpferwilligkeit für das Vaterland abzusprechen. Das liberale Judentum will im Gegenteil das Judentum auch bei denen wieder zu Ehre und Ansehen bringen, will auch diejenigen wieder seiner Uebung gewinnen, welche für ihren angestammten Glauben nichts mehr übrig hatten und lieber mit Gewalt eine Gelegenheit sich schufen, vom Judentum endgültig loszukommen, als den verlorenen Anschluß daran, aufzusuchen. Daß ihnen gegenüber eine Rücksicht auf ihre Anschauungen und die veränderten Zeitverhältnisse geradezu geboten erscheint, daß ihnen das Judentum selbst in einer zeitgemäßen, ihren Bedürfnissen und wünschen einigermaßen entsprechenden Gestalt entgegentreten

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