Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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p o Nr. Georg I. Plytke: K«s Len nachgelsssenen Papieren non Julius Plotke 115 derer, die Helfen sollten und könnten; ich komme mir vor, als befände ich mich auf offenem Meer, ich möchte schreien und rufen, und Niemand Hört mich, die Wellen verschlingen jeden Ton, der nutzlos verhallt! Und selbst für meine Person ist auch altes unzureichend. Ich .meine, daß ich mich loslösen müßte von allen meinen Aufgaben, die kleinen (Querelen beruflicher Sorge und Arbeit aufgeben müßte und mich hrneinstürzen in die Sorge für meine unglücklichen Brüder, zu ihnen eilen, nach meinen Kräften zu bessern und zu helfen, fortreisen müßte zu Ihnen, um mit Ihnen zu überlegen,- wohin mit den Unglücklichen, die immer mehr verkommen, die in ihrem Lande immer mehr zu Bettlern werden, die ftatt Arbeit Almosen empfangen, die demoralisiert werden, weil keine ganze Arbeit, weil alles pur halbe — nein tausendstel — Hülfe nur. ist! Und das Alles kann ich nickst tun! Ewige Konflikte, unter denen ich geistig und körperlich leide, die mir den ganzen Winter zugesetzt haben und mir das Gemüt in fortwährender Erregung halten. — . Ja, Sie haben Recht, leider, leider besteht der weitaus grüßte Teil unsrer allgemeinen Hilfstätigkeit darin, uns möglichst rasch von den Mualen zu befreien, welche uns größere und schwerere Opfer aufbürden; unsere Gemeinden sind alle ängstlich, von dem Zufluß Armer überschwemmt zu werden —- jede schließt ihre Tore. Und die neunmal Weisen in unsren europäischen Gemeinden haben vielleicht Recht, wlenn sie sagen: Nehmen wir eine Anzahl der Unglücklichen zu uns, so verschlimmern wir die Lage unsrer eigenen Armen, für die wir schon jetzt nicht genügend sorgen können; die reaktionären Elemente unsres Volkes beobachten uns und suchen nur einen Vorwand, um dann alle Fremden, alle Russen und Galizier, die nach und nach in deutschen Städten sich ein Leben und einen Erwerb Mühselig schaffen, hinauszuweisen. Und in der Tat, Sie machen sich ja keinen Begriff, unter welchen traurigen Verhältnissen politischer Art wir hier leiden. Jetzt ist es ein Jahr her, daß Sie bei »ns waren. Erinnern Sie sich vielleicht, wie ich Sie in Wiesbaden besuchte und bestürzt bei Ihnen ankam, weil ich in der Eisenbahn im Morgenblatte der Franks. Ztg. gelesen hatte, infolge des Mordes des Gymnasiasten Winter sei eine Anzahl jüdischer Familien vernommen worden. Ich sah das finstere Gespenst wieder vor mir, das Sinn und Gemüt weiter Volkskreise verdüstert — das traurige fürchterliche Märchen, das picht nur die Phantasie der Ungebildeten, sondern weiter gebildeter Kreise bei uns vergiftet und fanatisiert. Und jetzt ein Jahr später ist der ganze Osten unsres deutschen Vaterlandes in der fürchterlichsten Erregung, zahlreiche jüdische Existenzen sind vernichtet, und Unrecht und Haß feiern wahre Orgien! — Das alles lastet auf unsrer Seele und macht uns stumpf und verdumpft diese Atmosphäre, in der wir leben. Das äußert sich denn wieder in ungezählten in die Ouere gehenden Vorschlägen, unsre Lage zu bessern; da wachsen die Zionisten mit ihren gefährlichen chauvinistischen national-jüdischen Ideen, welche auf der einen Seite gerade die ärmsten hilflosen Klassen mit falschen Hoffnungen irreführen und die Köpfe mit einer Gluthitze erfüllen, die den Trieb zur Auswanderung nähren, eine Bewegung zum Verlassen des „unwirtlichen Stiefvaterlandes" anfachen; und andererseits verbittern sie die studierende Jugend, die in ihren Idealen zurückgestoßen — weil sie nicht in Zirkel und Korps der „Deutschland, Deutschland über alles" singenden Studenten hineingeltrssen werden — sich an solche j)seudoideale klammern, und die mühsam errungene Stellung der Juden, welche sich als Bürger des Landes doch als volle Bürger trotz aller Zurücksetzung fühlen und die Rechtslage erhalten sollten, nur noch mehr gefähr-