Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 112 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Ar. Cshn: Wie werden wir unsere Kinder nach dem Kriege erziehen? dere Berufe einschlägt. Lassen wir sie ein Handwerk erlernen, Landwirte werden. Man kann es doch frei und offen sagen: Der größte Teil der jüdisch-deutschen Bevölkerung lebt in den Städten; was wissen da unsere Jungen vom Segen des Landlebens, von der Kraft, die in der heimischen Scholle liegt. Glarnichts wissen sie davon! Auf Badereisen, in Sommerfrischen sahen sie nur eine getünchte Natur! Jetzt erst im Kriege Haben sie manches davon kennen gelernt! Der jüdische Vater soll sich nicht scheuen, seinen Jungen zum Bauern, zum Handwerker in die Lehre zu geben, soll ihn dort etwas tüchtiges lernen, soll ihn auch den Segen körperlicher Arbeit empfinden lassen. Der wirklich Begabte findet den weg zur Wissenschaft schon selbst, aber warum alle die Unzähligen, die es garnicht wollen, durch das Gymnasium Hetzen? Wem wird dadurch genützt, weder dem einzelnen Jungen, noch dem Staate! Also lassen wir es in Zukunft. Der Begriff der Kameradschaft, der uns im Kriege ein so heiliger geworden ist, soll auch im Frieden bleichen. Am Biwakfeuer, auf nächtlichen Ritten, in Not und Gefahr haben wir unsere christlichen Volksgenossen kennen gelernt. Das neue Geschlecht, dem hoffentlich ein solcher Krieg erspart bleiben wird, soll ihn im Wald, auf dem Feld, in der Handwerkerstube kennen lernen. Eine Unzahl von jüdischen Söhnen wandte sich dem Kaufmannsstande zu, und hervorragendes ist da geleistet worden! Das steht außer Frage. Und doch wird man es verstehen, wenn ich die Forderung aufstelle, laßt nicht allzuviel von dem Heranwachsenden Geschlecht diesen Beruf einschlagen. Gerade weil wir soviel auf diesem Gebiete geleistet haben, wollen wir zeigen, daß wir es auch auf anderem können und w>ollen. Dann wird vieles besser werden. — Und wie sollen wir unsere Jugend körperlich erziehen? <£s ist auch vor dem Kriege schon viel über diekörperliche Ertüchtigung geredet und geschrieben worden. Nun gewinnt das, alles noch ein ganz anderes Gesicht. Der Krieg hat gelehrt, daß Entschlußfähigkeit, Willensstärke, Ausdauer und körperliche Kraft unbedingte Erfordernisse für den Soldaten sind. Zweifellos wird in der allgemeinen Erziehung noch mehr als bisher die körperliche in den Vordergrund geschoben werden. Und wir jüdischen Deutsche sollen es noch ganz besonders tun, manche Sünde vergangener Geschlechter ist da noch gutzumachen, manche im engen Ghetto verbrachte Stunde rächt sich noch heute, Heraus drum mit unfern Jungen ins Grüne, zu Sport und Spiel. Stählen sollen sie ihre Kräfte wo es immer sein mag, daß sie als frische, frohe Deutsche durchs Leben schreiten. Aufrecht jedem ins Angesicht, ganz gleich ob von den andern als voll angesehen oder nicht; unablässig an sich arbeitend zur Ehre Deutschlands, zur Ehre des 'Glaubens der Väter! Ich weiß wohl, daß meine hier Vorgetragenen Ansichten nicht überall Beifall finden werden, aber sie mögen doch hingenommen werden, als die eines Mannes, der von ehrlicher Liebe zu Deutschland und zum Judentum erfüllt ist. Ich weiß auch, daß ein Appell an die Allgemeinheit wenig nützt; aber die Allgemeinheit soll diese Fragen, die doch für uns Lebensfragen sind, auf die Tagesordnung aller jüdischen Bestrebungen setzen, soll bleibende Institutionen schäften, aus denen ein neuer Geist, ein neues Geschlecht hervorgeht, soll heute, während des Krieges schon damit beginnen. Niemals ist es zu spät, weder für den Einzelnen noch für eine Gemeinschaft, zu sagen: Das hättest Du anders-machen können, wirst es in Zukunft anders machen! vielleicht wird das neue Geschlecht es leichter haben, wenn wir es anders erziehen;