Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Ar. Spanier : GntlassurEsreden wahrend der Kriegszeit 0 0 0 O farm nicht tiefer und inniger empfunden und i nicht schöner ausgesprochen werden, als es der Sänger des 73. pfalrns tut. wir freuen uns, daß wir dieses Wort in seiner echten Sprache verstehen lernen: Ni 11 waschomojim, w’imm’cho lo ehofazti woorez. „Wen habe ich irn Fimmel? Und wenn ich bei Dir bin, so begehre ich nichts auf der Erde." W’imm’clio, t>as ist das wichtigste Wort: Wenn ich bei Dir bin, dann empfinde ich in der erfüllten Aufgabe das beseligende Gefühl der Gottesnähe. Wie malte sich noch der prophetengeist in seinen Träumen den Himmel aus? Strahlend in wunderbarem Glanz, um den göttlichen Thron in märchenhafter Schöne die geflügelte Schar der Engel. Und was sagt dieser Fromme? Ni 11 waschomojim? Was liegt mir am Himmel? Und auch der Erde Güter: Schönheit, Reichtum, Besitz — es gilt mir nichts, wenn ich nur bei Gott bin. Luther hat diesen Vers, indem er den Kerngedanken voranstellt, unübertrefflich schön übersetzt: Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde! Aber nicht nur, was ich habe und haben könnte, nein, was ich bin, meine eigene Person gilt mir nichts, wenn ich mich mit dem Göttlichen eins fühle. Lolo seü'srl ul’wowi, zur l’wowi w’cbelki elohim Tolom. Mag mein ' Körper und mein Herz vergehen — der feste Grund, die Zuflucht meines Herzens und mein eigenster Besitz ist Gott für immer und ewig. Hier leuchtet der Gedanke in seiner edelsten Form, gelöst von allen egoistischen Wünschen. Ulag meine Persönlichkeit pergehen, wenn ich nur bleibe in dem Edelsten meines Wesens und Wirkens, in dem Höchsten, was ich erstrebt habe. Dies ist im Göttlichen verankert, und dieses Göttliche ist ewig. Ein neuerer christlicher Erklärer sagt: Es sind Gedanken von einer religiösen Reinheit und Kraft, vor der man staunend stille steht. Es ist das Größte, was auf diesem Gebiete in eines Menschen Herz gekommen ist. Gewiß, meine lieben Rinder, unsere tägliche Arbeit kann gedeihen, auch wenn wir solch hohe Gedanken nicht fassen. Schon mancher schlichte Mensch hat in seinem dunklen Drange das Rechte getroffen, ohne daß ein. Strahl aus diesen Höhen seinen Weg erleuchtet hätte. Lin kleines Licht kann unfern Arbeitsraum erhellen. So könnte ich Luch auch ein viel einfacheres Wort zum Abschied - sagen. Ls heißt: Leistet, was Ihr zu leisten habt, mit ganzer Hingabe und ganzer Rraft! Und bevor Ihr am Abend zum Schlafe die Augen schließt, denkt: Wie habe ich den Tag genützt? Ich möchte, daß Ihr dann immer sagen könnt: ich habe nichts getan, weswegen ich erröten müßte, ich habe nichts getan, wessen ich wich vor wehren Elterst, vor meinen Lehrern und vor allem vor mir selbst schämen müßte. Gewiß, solche Gedanken leiten gut. Aber wer Berge steigen kann, der sehnt sich, wenn er lange in der Ebene wandern muß, zu jenen leuchtenden Höhen der Ferne, zu jenen ragenden Gipfeln, die für unser Auge Himmel und Erde verbinden. Und ich möchte doch, daß die Enge der Arbeit Euch selbst in Eurem Innern nicht einenge. Unserer Hände Mühe gelingt wahrlich nicht schlechter, wenn ein beglückendes Licht aus Höhen, „das große stille Leuchten", unfern Sinn und unsere Arbeit erhellt. Deshalb gebe ich Euch auf Euren Weg jenes Goethe-Wort mit: Und solang du das' nicht hast, , Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde, und das wort des psalmisten: Wen Hab ich im Himmel und wenn ich bei djr bin, so begehre ich nichts auf der Erde. Mag auch wein Körper und mein Herz vergehen, meines Herzens Zuflucht und mein Anteil ist Gott für ewig!