Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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10» Ar. Kpanirr: GntLaffmtgsrrdrn wützrrnd der Krirgszeit Friedens sprechen' können. Aber heute tobt noch der Kampf, wenn deutsche Kraft auch weit von unsern Grenzen die Feinde weggedrängt hat, noch umstarrt uns von allen Seiten der Haß Mit all seinen -giftigen Waffen. Noch tobt der Vulkan des Krieges und wirft fein tötendes Feuer aus und schüttet glühende Lava lund erstickende Asche' auf weite Strecken der Gjotteserde, die Früchte trägen sollte, und auf das menschliche Gemüt, das mitzulieben, nicht mitzuhassen geschaffen ist. Dunkle Gewalten ringen, Nachtgewölk verfinstert oft den Fimmel, und in Beklommenheit des Herzens sucht unser Auge Schutz und 'Trost bei den ewigen Sternen. In heiliger Ordnung kreisen sie am Fimmel, erhaben über all das irdische Gewirre und leuchten uns mit ernstem und heiterm Glanze wie den Menschengeschlechtern vor tausend Jahren. So auch flüchten wir uns oft aus den kleinlichen Sorgen des Tages, aus Aengsien und Nöten, die uns bedrücken wiollen, zu großen und erhabenen Gedanken. Giute Geister der Vorzeit schenkten sie uns, die „Wie der Glanz des Fimmels leuchten und Wie die Sterne immer und ewig." Mögen sie auch Eure Wege erhellen, Ihr lieben Kinder, die Ihr nun die Schule verlaßt und auf den Kampfplatz des Lebens tretet. In einem Goetheschen Gedichte, dessen ganze Tiefe ich hier nicht ausschöpfen kann, heißt die Schlußstrophe: Und solang du das nicht hast. Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde. Der Kern des Gedankens liegt in den beiden Befehlsworten: Stirb und werde! Manche Menschen zeigen schon in jungen Jahren eine große Zufriedenheit mit der eigenen Persönlichkeit und bringen ihr oft eine so unverdiente Wertschätzung entgegen, daß sie ihre Vervollkommnung kaum für notwendig halten. Ost meinen solche Leute mit einem Hochachtungsgefühl vor ihrer Lharakterfestigkeit: Dies oder jenes liegt nun einmal nicht in meiner Art, ich kann — oder bin — nur so und nicht anders, wie gering sckjätzt Du Deine Entwicklungsfähigkeit und ihre Möglichkeiten ein! Streng Dich an, über- - winde die Hindernisse in Dir. werde, was Du werden kannst! All unsre Entwicklung, all unser Wachsen ist ein Absterbenlasfen des ■ Alten und ein Fördern des Neuen. Stets gilt .* das Wort: Stirb und werde! Freilich handelt es sich hierbei nur um eine teilweise Umwandlung, die eigentlich nur die Oberfläche unseres Wesens trifft, wie ein Edelstein in vielen Farben leuchtet, so dürfen wir jenes. Goethe-Wort. auch in diesem Sinne verstehen. Sein tiefster Sinn sagt mehr. Stirb! Das trifft Dein gesamtes inneres Wesen, Dein Innerstes. Es kommt doch wohl einmal eine Zeit, wo Du ein unparteiischer strenger Richter über y Dich selbst sein wirst, wo Du Dir selbst Rechenschaft geben willst, was treibt Dich eigentlich hierhin und dorthin? was für _ j Neigungen find in Dir, was für Gelüste, Begierden? Ist es nicht vielleicht etwas Aeußerliches, vergängliches. Niedriges? prüf Dich 1 aberAenau und beschönige nichts. Treibt Dich _ das Gute, treibt Dich das Göttliche? Für! jeden Menschen, der an sich arbeitet, für 1 jeden Menschen, der nicht blind in den Tag j hineinlebt, kommt die Stunde, in der er sich 1 sagen muß: stirb und werde! Laß alles j Niedrige in Dir untergehen, damtt das Reine, 1 Gütige, Große wachsen kann. Dann wird es in Dir hell und klar. Dann ist Deine Seele nicht verwirrt durch allerhand niedrige. Be- '; gehrungen, die Dich hin- und herzerren. Darm j bjst Du nicht mehr ein trüber Gast — auf -;j der dunkeln Erde. Die Erde, alles Irdische, Nur-Irdische ist dunkel, lichtlos. Nur von - :! der fernen Sonne des Geistigen kann das Irdische erleuchtet und erwärmt werden. J Dieses Glück, das den Frommen beseligt, "wenn er im Geistigen, im Göttlichen lebt. ■'H