Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o 0 o 0 Ar. Spanier: GntlassrmgsrrLr» wahrend der Krregszeit 107 ses Mittel der Verbindung mit dem Judentum ftir uns Neueren mehr oder minder wieg, wer ' daher dem Judentum treu bleiben will, der komme an den Sabbaten, wenigstens aber an den Festtagen zur Synagoge, der vertiefe sich voll Andacht und Eingebung in unser Gebetbuch! wer mit Verständnis und Innigkeit in dem Schmawort sein Gottesbekenntnis ablegr, wer sich auf Flügeln des herrlichen Aalmsanges zur schönsten und edelsten Auffassung der Gottheit erhebt, wer Gott als Weltherrscher, als Richter und Vater der Menschheit lobpreist, der fühlt sich nicht bloß mit der großen Vergangenheit seines jüdischen Stammes, der fühlt sich nicht bloß mit dem engeren Kreis seiner jüdischen Glaubensgenossen innig verbunden, den verknüpft auch ein geheimes Band mit allen Menschen, wes Glaubens sie auch sind, wer das jüdische Gehet im rechten Sinne betet, der rettet seine Seele aus dem Zwiespalt und dem Kveifel, aus der Niedrigkeit des täglichen Lrdenlebens, aus der Verzweiflung über die Bosheit und Niedertracht, die sich unter den Menschen breit macht. In diesem Sinne will ich gerne glauben, daß das Gebetbuch dem jüdischen Landwehrmanne das Leben rettete, nicht das Leben des Körpers, aber das sieben der Seele. flllS der Schule. Cntlaffungsreden von Dr. m. Spanier-Berlin. 1915. ^*Lhr Kinder, die Ihr jetzt die Schule ver- ++/ laßt, welches wird der stärkste Lindruck fein, den Ihr im letzten Jahre empfingt? wenn man nach vielen Jahren Luch ftagen sollte, wann seid Ihr aus der Schule entlassen werden, so werdet Ihr immer die eine Antwort bereit haben: in dem Jahre, wo der Krieg war. An der j)forte des Paradieses Lurer Kindheit steht der Engel mit dem flammenden Schwerte. Sein Anblick brachte uns allen Entsetzen, wir konnten das Schreckliche nicht glauben. Die lange Gewöhnung des Friedens ließ uns einen Krieg für eine Unmöglichkeit halten. Aber wie er nun doch in seiner ganzen Furchtbarkeit sich vor uns hinstellte, da brachte er uns Lindrücke und Offenbarungen, die für das ganze Leben bedeutungsvoll bleiben werden. Ich will nicht von den Linzelgeschicken sprechen, nicht davon, wie Väter, Brüder und liebe verwandte in den Kampf zogen, nicht won ihrem und unserm Glück und Leid. Gewährend der Kriegszeit. rgde dieser Krieg hat uns gelehrt, an das Allgemeine zu denken, wir sahen, wie ein ganzes Volk sich zum Kampfe erhob, wie es sich^einmütig scharte um seinen Kaiser, dessen aufopferungsvolle Friedensliebe alle kannten. Ihr saht unser wundervolles f^eer zum Kampfe' ausziehen, die kraftvollen Jungen zu Fuß und hoch zu Roß, Ihr hörtet ihr deutsches Lied, Ihr saht sie lachen, dieses stolze Lachen der Zuversicht und Kraft, das all den Zurückbleibenden und Sorgenden die Tränen aus den Augen und innige wünsche aus dem Kerzen trieb. Ihr' saht, wie ein ganzes Volk einig ward in dem einen Gedanken, die Herrlichkeiten deutschen Geistes und deutscher Natur zu schützen gegen eine jahrelang vorbereitete Linkreisung des Neides und gegen den. plötzlichen Ausbruch der Zerstörungslust. Was Ihr als selbstverständlich seit Jahren hingenommen, nun ward es Luch bewußt in seinem wert und seiner ganzen Größe: der Segen deutschen Wesens. Kein absichtliches Bemühen, keine Kunst der Erziehung hätte so