Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Professor Ar. Friedland: Das jüdische Gebet „Betens" an den anderen Festtagen, an den Sabbaten und an den Wochentagen. Immer wieder wird uns in Erinnerung gebracht, sei es durch Zitate der heiligen Schrift, sei es durch das pijut, jene Jüdisch-religiöse Dichtung des Mittelalters, sei es durch den pfalm, daß Israel als Ganzes und jeder einzelne von uns Träger des Gottesgedankens ist oder sein soll. Mir sehen, unsere „Gebete" sind dem innersten Gehalte nach eigentlich keine „Bitten", - wenn sie auch in der Form der Bitte vorgetragen werden. Gebete sind Weisungen, sind Mahnungen, sind Erinnerungen an unsere höchsten Menschenpflichten; sie sind gleichzeitig der Niederschlag des jüdischen Gedankens über Gott und die Welt, wie er sich in dem Volke der Religion, in Israel, seit Jahrtausenden entwickelt hat. Unser „Gebetbuch" ist ein „Sittenlehrbuch". Indem wir beten, belehren wir uns, finden wir den Weg zu unserer Besserung und Veredelung. Unser Gebetbuch ist wie ein Spiegel, in den wir hineinschauen, und der. uns den Schönheitsfehler unserer Seele anzeigt. Es liegt an uns, die häßlichen Linien und die unreine Farbe unseres Bildes in Ordnung zu bringen und zu verschönern durch Gesundung und Veredlung unseres Selbst. Wie sollen wir nun beten? Es bedarf eigentlich nach dem vorhergesagten keiner Erwähnung, daß wir das, was wir beten, verstehen müssen. Bloßes verständnisloses Zersägen oder Zersingen der Gebete ist ebenso wertlos wie einst die gedankenlose Darbringung von Opfern. Wer da glaubt, durch den Schall von Worten, die er nicht versteht (sei es, weil sie nicht seiner Muttersprache entnommen sind, sei es, weil er sich nicht in deren Sinn vertieft) den Zweck des Betens zu erreichen, der ist ebenso in einem Irrtum und Aberglauben befangen wie die fromme Mutter des Landwehrmannes sich einem verbotenen Aberglauben hingab, wenn sie etwa annahm, daß das Gebetbuch als solches im Tornister ihres Sohnes diesem das Leben gerettet habe. Ein solches Beten ist Gott nicht wohlgefällig; er spricht durch den Mund des Propheten Amos: „Schaffe den L ä r m deiner Lieder von mir weg; ich will das Spiel deiner Warfen nicht hören." Daher haben unsere Rabbiner schon vor 2000 Jahren empfohlen, da wo das hebräische nicht mehr verstanden wurde, die Gebete in der Landessprache vorzutragen, wenn nur das Haupt- und Kernstück, das Schma, und da und dort einige Einführungen - aus der heiligen Schrift hebräisch gesagt würden. Line Dichtung in der Uebersetzung ist freilich nicht so schön wie in der Ursprache, aber besser ist die Uebersetzung in die Muttersprache als das herlesen oder hersagen von fremden Worten, die für uns unverständlich sind. Derjenige hegt die denkbar verkehrteste Auffassung vom Zwecke unseres Gottesdienstes, der da meint, er sei „fromm", er betätige sich religiös, wenn er Worte ohne Sinn in mehr oder weniger melodiöser Weise hervorstößt. Es gibt allerdings Leute, die auch in ihrer Muttersprache gedankenlos Worte herbeten. Wessen Gedanken im Götteshause aber andere Dinge als den Gegenstand des Gebets suchen, wer gar während des Gottesdienstes mit seinem Nachbar schwatzt, der täte besser, draußen zu bleiben. Ein solches Verhalten ist eines rechten Juden unwürdig. Es ist unsere religiöse Pflicht, mit Andacht zu beten und uns in den Sinn des Gebets oder Gesangs zu vertiefen. Der Besuch des Gotteshauses, des öffentlichen Gottesdienstes, ist eine religiöse Pflicht, die gerade in unserer 'Zeit ganz besonders ernst genommen werden muß. Wenn unsere Altvorderen durch Vertiefung in das Studium des jüdischen Schrifttums, der Thora, durch die häusliche tägliche Nebung religiöser Zeremonien immer wieder an unsere herrlichen Glaubenslehren erinnert wurden, so fällt die-