Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Professor Ar. Frirdbrnd: Aas jüdische Gebet büch und blieb darin stecken. Ohne dieses Buch hätte die Kugel den Bücken und die Lunge des Soldaten durchschossen und er wurde getötet worden sein. Bei der Kunde von der wundersamen Erettung ihres geliebten Sohnes mag die fromme Mutter vielleicht an eine Art Wunder- und Zauberkraft des heiligen Büches gedacht haben. Ls gibt ja Leute auch in unserer Mitte, die glauben, daß irgend ein Zeichen, irgend ein toter Gegenstand auf den Lauf unseres Geschickes einwirken könne. Der Glaube an sogenannte Amulette wjird gerade in den Zeiten außerordentlicher Geschehnisse, insbesondere bei drohenden Gefahren wach. Aber es ist ein Aberglaube, und unsere Religion warnt uns sehr eindringlich vor solchem Aberglauben. Dem braven Landwiehrmann hat nicht das Gebetbuch als solches das Leben gerettet. Jedes andere Büch, das zufällig in seinem Tornister gelegen hätte, hätte dieselbe mechanische Wirkung gehabt. Gebetbücher, die im -Tornister liegen bleiben, können an sich keinem Soldaten das Leben retten;' aber Gebetbücher, die aus dem Tornister hervorgeholt und gelesen werden, d i e-s e können das Leben retten, zwar nicht gerade das Leben des Körpers, aber das Leben der Seele. In welchem Sinne ich diese Lebensrettung der Seele durch das Gebetbuch oder besser durch das Gebet verstehe, will ich im Folgenden auseinandersetzen. Schon zur Zeit ,des Bestehens des Tempels in Jerusalem wurde das Gebet als vollwertiger Ersatz für den Gpferdienst anerkannt, und als der Tempel fiel und die Juden in die weite Welt gingen, da trat anstelle des Opfers nicht nur für das Bedürfnis des Einzelnen, sondern auch für die Gesamtheit, für den öffentlichen Gottesdienst, das Gebet. Von den Rabbinern wurde angeordnet, daß genau zu denselben Zeiten, wo im Tempel die feierlichen Opferhändlungen stattfanden, die Gemeinden sich in den Synagogen versammelten und beteten. An diesen Zusammenhang des Gebetes mit dem Opferkult erinnern uns die hebräischen Benennungen der Gebetabschnitte, die für die einzelnen Tageszeiten vorgeschrieben sind. Es gab z. B. ein Musfaf- und Minchaopfer, wie wir heute die Mussaf- und Minchaigebete verrichten. was beten wir? Das Gebetbuch, das wir hier im Tempel der Jacob sohnschule in fänden haben, ist sehr gekürzt im Vergleich zu demjenigen, welches in .strenggläubigen Gemeinden gebraucht wird. Aber vor etwa JOO Jahren noch wurde auch in den Synagogen der Strenggläubigen ein Gebetbuch benutzt, das stvlei- und dreimal so dick war als die Mia (Gebetbuch) unserer konservativen Glaubensgenossen. Es geht daraus hervor, daß der jüdische Gottesdienst mannigfaltige Umgestaltungen erfahren hat und von der Geschmacks- und Gedankenrichtung der Zeitalter bedingt ist. Immerhin blieb aber der wesentliche Inhalt des Gebetbuches zu allen Zeiten derselbe. Als das! Kern- und Hauxtistück desselben gilt das Schma-Wort, das wir sprechen, wenn „wir aufwachen und «wenn wir Uns niederlegen", des Abends und des Morgens. Ich sage das „Schmawort" und nicht das „Schma-Geb et". Denn ein Gebet ist es nicht, das fei gleich vorweg bemerkt. Das Schma ist ein der heiligen Schrift entnommener Vers. Er findet .sich Kap'. 6 des V. Buches Moses. Durch den Mund seines Propheten ruft Gott seinem Volke zu: Loboma -lisrool Adonoi Elohenu Adonoi Echod „Höre, Israel, der .Ewige unser Gott, der Evige ist einzig." Dieser Vers ist das 'erhabene Bekenntniswort unserer Glaubensgemeinschaft geworden. Es wurde zum Erlösungswort, als Israel. die läuternde Wanderung durch die wüste antrat, es wurde zum Losungswort im Kampfe