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Liberales Judentum · 1916-09-01 · Heft 9-10 (September 1916) · p. Seite 102

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 9-10 (September 1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 0 o o o Regina Meitzer: Schwelgendes Hrldrntnw ööiweigenäes ileläentum. " Von Regina Ueitzer-öraslau. or unserer Seele steht seit fünfundzwan- I zig Monaten in Mort und Bild der Krieg, das Riesenhafte, Gigantische der Völker. Das Nationalbewußtsein ist gewaltig aufgewacht und gewachsen. . Die Forderung, die an das Volk erging, für die nationale Sache Opfer zu bringen, erfüllte sich, indem das ganze Volk, nicht zuletzt die deutschen Juden, einmütig, freiwillig und freudig, mit tatkräftiger Begeisterung Gut und Blut Hingaben; sind doch Begeisterungsfähigkeit und Opferwilligkeit gleichermaßen die schönsten deutschen und jüdischen Tugenden. In diesem Weltkrieg, den Deutschland nicht herausgefordert, sondern mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln und Kräften zu vermeiden suchte, der ihm bon fremder Seite aufgezwungen wurde, ist sich das deutsche Volk seiner Pflicht voll und ganz bewußt geworden, das ganze Volk, Männer und Frauen, Christ und Jude. Mannespflicht ist Wehrpflicht. Und unsere Frauen? Wer die Geschichte der Völkerkämpfe mit oberflächlichem Auge liest, der könnte' meinen, daß der Krie^ der Frau nur ein Amt überträgt, das Her Pflegerin, der barmherzigen Schwester. Und (m der Tat ist das ehre Aufgabe, die der Natur des Weibes am meisten entspricht und deren Durchführung eine unerhörte Summe von Selbstverleugnung und pflichttreue fordert. Das unwiderstehlich Fortreißende der großen Stunde, die aus Knaben Männer macht und aus Männern Melden, die knirschende Wut des Kampfes, die!hochheilige Begeisterung des Siegens zu empfinden, ist den Frauen, versagt. Sie sehen nur das verzerrte Medusengesicht der Schlacht. Im stöhnenden Glend der Feldlazarette, im grausigen Schwaigen der Massengräber tritt der Krieg vor sie hin und manche, ja sogar viele unserer Mitschwestern^ die unter dem Noten Kreuz der Menschheit "und dem Vaterlande dienen, tragen aus dem. Entsetzen jener Tage einen Schatten für ihr ganzes Leben davon. Und doch ist die Pflicht der Barmherzigkeit nicht die einzige, nicht die größte unserer Frauen! Als das Vaterland sein Volk zum Kriege rief, da verlangte es von unseren Frauen Opfer, die tausendmal schwerer sind, und in der Erfüllung dieser Opferpflicht liegt wahrlich etwas heroisches durch die Selbstverständlichkeit, mit der sie gefordert und dargebracht werden. Wer find fie. denn, die hinausgezogen sind, um für die Helmat zu kämpfen, zu bluten, zu sterben? wer sind sie denn, die im grauen erfüllten Lazarett, in der Oual ihrer Wunden, des Fiebers, des Todeskampfes röcheln? Die sin den Massengräbern eingescharrt liegen, fern der Erde, für die sie gestorben sind? Die aus dem Kriege wiederkommen, jammervoll verkrüppelt, Trümmer der Menschheit? Unsere — der Frauen Väter, Brüder und Söhne, Gatten und Ver- . lobte! Da ist wohl kaum einer in dem Riesenheer, um den nicht wlenigftens ein Herz in Sorge bangt und zittert. „Ich habe den Glauben, daß wir nicht geboren sind, glücklich zu sein, sondern um unsere Pflicht zu tun, und. wir wollen uns segnen, wenn wir wissen, wo unsere Pflicht ist," sagt Nietzsche. Da war wohl kaum ein Frauenherz, das nicht die Angst um ein Geliebtes zufammenkrampfte, als es hieß: „Es igiebt Krieg!" Und dennoch, — da war wohl auch kaum eine deutsche Frau jüdischen Glaubens, die das Vaterland bedroht wußte und zu dem Geliebten gesprochen hätte: „Bleibe daheim!" Die Pflicht über alles — über Ctefce, Hoffnung, Glück. Mnd das Liebste hergeben

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