Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126571-3126576--2144-3128984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rabbiner Ar. Schreiber : Morsehung 1V1 Hobe, das kann und darf sie weder behaupten noch bestreiten. Das kann nur der, in dessen Seele ein Gefühl für diese werte lebendig ist. Lebt aber erst einmal dieses Gefühl in uns, dann wird es um so tiefer und um so unerschütterlicher werden, je mehr es sich da-, von durchdringt, daß diese werte nicht das Werk einer Willkür oder eines Zufalls, sondern die Folge strengster, lückenlos sich aufbauender Gesetzmäßigkeit sind. Denn erst diese Gesetzmäßigkeit macht es ja möglich, die einzelnen, durch Ursache und Wirkung eng miteinander verknüpften Glieder der Lntwickelungsreihe, an deren Ende das von uns bewertete Ergebnis steht, als Mittel und Wege zu diesem Ergebnis zu betrachten und so das Ende in den Anfangs den Zweck und die Zweckmäßigkeit in den Urgrund hineinzuverlegen. So wird der frommen, die Welt nach ewigen Zwecken und Zielen betrachtenden Denküngsweise die Gesetzmäßigkeit nicht zum Stein des Anstoßes, sie wird ihr geradezu unentbehrlich für die Vertiefung und Befestigung ihres Glaubens. Mit dieser Auffassung erledigt sich auch ein weiterer Einwand, der meist gegen den Vorsehungsglauben erhoben wird. Nicht neu ist dieser Einwand, und nicht die Wissenschaft hat ihn hervorgebracht. Er ist identisch mit der alten, ewigen Menschheitsfrage, die seit Hiobs Tagen in des Menschen Herzen lebt, die immer wiederkehrt und die heut noch so brennend ist wie in der Menschheit Rindheitstagen. wenn eines Gottes weise Vorsehung den Weltenraum durchdringt — so läßt dieser Einwand sich vernehmen — warum herrscht so viel Leid und Elend auf Erden, warum sind dann Tränen ein Merkmal, durch das sich Menschen unterscheiden von anderen Geschöpfen, warum begegnet unser Auge so oft den Bildern der Vergänglichkeit und des Todes, wo Menschen, die noch nicht gekoste vom Trank des Lebens, unbarmherzig hinweggerissen werden wie die Blätter, die der Wind verweht? .Eine sausende Rugel, die ein Leben vernichtet und ein Mutterher; bricht, ein niederfallender Stein, der eines Rindes fjoupt zerschmettert — wer könnte all die erschütternden Widersprüche, an denen das Leben fo überreich ist, auszählen! Scheinen denn aber nicht all diese Widersprüche ein Hohn zu sein auf die göttliche. Vorsehung und den Glauben an sie Lügen zu strafen? Aber nun wir wissen, daß Gott in allem den ewigen Gesetzen, die er in die Welt hineingelegt, seinen Lauf läßt, nun wissen wir auch, daß das walten seiner Vorsehung sich nicht darin zeigen kann, daß er diese Gesetze aufhebt, um das zu beseitigen, was uns schmerzlich ist. „Es leuchtet die Sonne über Bose und Gute, und dem Verbrecher glänzen wie dem Besten der Mond und die Sterne, wind und Ströme, Donner und Hagel rauschen ihren weg und ergreifen vorübereilend einen um den andern." Nach ewigen, ehernen Gesetzen vollzieht sich alles Geschehen. . Und fragen wir, wo bei alledem Gottes Vorsehung sei, so ist darauf nur die eine Antwort möglich: daß sie in erster Reihe da ihr Reich hat, wo nach dem Bibelwort (5. B M. c. 30, 1(5) auch der Gottesglaube seinen Sitz hat: in unserem Herzen, in unserem 'Innern. Dort kann sie ihr überalle Widersprüche des Lebens triumphierendes Reich sich .errichten, dort kann sie'die durch die Schläge des Geschickes gestörte Harmonie wiederherstellen und bei jedem Leid, bei jedem Zwiespalt Versöhnung finden. Zwar wird solcher Vorsehungsglaube nie imstande sein, ein Unglück von uns abzuwenden, oder ein Leid von uns fern zu halten, aber wenn Unglück^ und Leid, nach Gottes ewigen Gesetzen wirkend, uns treffen, wird er Friede und Trost uns in die Seele senken, indem er uns sprechen läßt: „Aus Gottes Hand kommt alles, Gutes und Böses, Leben und Tod, Armut und Reichtum.".;