Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Rabbiner Ar. Schreiber: Vorsehung Denn er hat das Wesen.des Gesetzes in seiner Tiefe erfaßt und hat erkannt, daß durch die Zurückführung einer Erscheinung auf ein Gesetz diese Erscheinung durchaus, nicht restlos erklärt ist. Damit, daß wir den Fall des Steines, auf das Gesetz der Anziehungskraft zurückführen, haben wir ihm das . Rätselhafte, das ihm wie allen Naturerscheinungen anhaftet, nicht genommen — wir haben das Rätsel nur um eine Stufe zurückverschoben. Das Wort „Anziehungskraft", es birgt ja genau solch ein unlösbares Rätsel für uns wie die Erscheinung, die damit erklärt werden soll, und streng genommen ist es noch größer und geheimnisvoller. Wir wissen nicht, woher diese Kraft, kömmt, wissen nicht, warum gerade sie aus der Tiefe der Natur hervorbricht und wissen eben so wenig, was diese Tiefe überhaupt sei und in sich berge, von einem berühmten Physiker wird erzählt, er habe seine Vorlesung damit begonnen, daß er einen Faden, an dem eine Bleikugel herabhing, durchschnitt und, auf die fallende Kugel weisend, zu seinen Hörern sprach: „Das größte Wunder der Natur!" Nur dem oberflächlichen Betrachter ist alles klar und selbstverständlich. Der tiefer Blickende weiß, daß die Gesetze, die erklären sollen, um nichts weniger der Erklärung bedürfen als das, was durch sie erklärt werden soll, daß sie, wie es einmal in geschickter Formulierung gesagt wurde, nichts anderes sind als Rätsel auf Formeln gebracht. Und wie es mit dein Fall des Steines ist, so ist es mit dem aus dunklem Gewölk herabzuckendem Blitz, den wir erklärt zu haben meinen, wenn wir ihn aus den mit Elektrizität geladenen Wolken herleilen, und übersehen doch ganz, daß Elektrizität, daß Reibung und Entladung Worte sind, hinter denen unlösbare Geheimnisse schlummern. Die Gesetze, die des Menschen Geist gefunden, lüften den Schleier nicht, der über die Welt gebreitet ist. wie eine Sphinx liegt sie vor uns, und mit allen Gesetzen, auf die wir uns so viel zu gute tun, haben wir ihr Geheimnis ihr nicht' abzwingen können. Sie haben immer nur statt eines Rätsels ein anderes, größeres gesetzt und haben uns dabei in den Traum gewiegt, die Geheimnisse der Welt enthüllt zu haben, während wir uns in Wahrheit nur an sie gewöhnt und durch die Macht der Gewohnheit den Sinn für ihre Tiefe verloren haben. Machen wir uns einmal frei von dieser Gewohnheit, dann fühlen wir, wie es rings um uns her geheimnisvoll und wunderbar wirkt und webt, wie aus der Tiefe der Natur verborgene Kräfte Hervorbrechen und wie alles auf eine Grundkraft zurückweist, die alles treibt und bewegt, die leitend und lenkend über allem steht, eine Kraft, die in den Anfang schon das Ende, in die Wurzel den Stanun, in den Keim schon die Blüte eingelegt hat. So kann keine noch so streng durchgeführte Gesetzmäßigkeit den Glauben an einen Gott, der über allem Geschehen steht, beeinflussen, so kann sie aber auch nicht den Glauben an dieses Gottes vorsehende Senkung und Leitung beeinflussen oder gar zerstören. Denn dieser Glaube hat ja gar nichts zu tun mit der Frage, wie, eine Erscheinung zustande gekönunen ist, er will vielmehr nur ein Urteil abgeben über ihren wert. Denn das ist das. Wesen dieses Glaubens, daß er Ereignisse, Erscheinungen, Entwicklungen bis zu ihrer Auswirkung verfolgt und nun, am Ende dieser Kette von einzelnen Vorgängen, einen besonderen wert wahrnehmen zu können glaubt. Erst wenn dieses Gefühl für den wert und die Bewertung eines Ergebnisses in uns lebendig geworden'ist, erst dann haben wir die Möglichkeit und das Recht, von Senkung, von Absicht und Vorsehung zu sprechen. Das aber kann gar nicht Sacheder Naturwissenschaft sein. Sie will ja nur untersuchen un6 erkennen, wie etwas geworden ist. Db dieses so Gewordene auch Sinn und Bedeutung