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Liberales Judentum · 1916-09-01 · Heft 9-10 (September 1916) · p. Seite 99

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 9-10 (September 1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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Nakbirrer Ar. Schreiber: Vorsehung 99 Vorsehung. Von Rabbiner vr. 6ermann Schreiber-Potsdam. emt matt ein Mort sucht, an dem der | Gegensatz zwischen alter und neuer Zeit klar und deutlich zum 'Ausdruck kommt, man könnte kein besseres finden als das Mort der Weisheit Sirachs: „Aus Gottes Lsand kommt alles, Gutes und Böses, Leben und Tod, Armut und Reichtum."*) Zn der Wahrheit dieses Satzes fanden die Geschlechter vergangener Zeiten Trost und inneren Frieden; das Bewußtsein, das auf ihm sich gründete, gab ihnen die Kraft, auch das Schwerste aufrechten Hauptes zu ertragen und allen feindlichen Gewalten .zum Trotz sich zu behaupten. wußte -man sich doch (frei allem, was das Schicksal brachte, in Gottes Hand, und so nahm der Arme seine Armut, der Kranke seine Krankheit, der Unglückliche sein schweres Geschick ergeben uUd demütig hin. Es ist nicht mehr so, daß dieser Satz eine unumschränkte wacht über die Gemüter ausübt. Die Menschen von heute glauben, dem weisen Sirachiden einen anderen Satz entgegenstellen zu müssen, der zwar nicht so tröstlich und erhebend klingt, der aber dafür, von der Wucht der Tatsachen gestützt, als einzig wahrer ynd berechtigter sich erweise: „Ts kommt alles von selber, es geht alles mit natürlichen Dingen zu, nicht von Gott kommen die Dinge, sondern Natur und Naturgesetz bestimmen mit eherner Notwendigkeit den Lauf alles Geschehens." was der Astronomie an ihren Objekten, den Gestirnen, mit einer bis ins kleinste und feinste gehenden Präzision gelungen ist, ihr Kommen und ihr Gehen, ihre Stellung zueinander und ihre Zusammenhänge untereinander zu berechnen, das müsse auch für alles Sein und Geschehen überhaupt möglich und durchführbar sein. Und so ersteht als Ideal dieser Denkungsart' *) Sirach c. 11, 14. ein Universum, das, wie es ganz aus fick) heraus erklärbar und bestimmbar ist, so auch ganz jauf sich allein beruht und keinen willen und kein Ziel außerhalb seiner selbst kennt und anerkennt. Zweck, Vorsehung, Leitung. Absicht — Worte sind's, gut genug, auf Kinder Eindruck zu machen, aber nicht staick genug, um gegenüber der Wucht der Tatsachen ihr Recht zu behaupten. Es ist klar, daß dieser Anschauung die alte, fromme Denkungsart schroff gegenübersteht. Denn Frömmigkeit will und kann sich nicht damit begnügen, zu wissen, w i e etwas kam und wie es so kommen mußte; sie findet vielmehr ihre Befriedigung nur, wenn sie erkennt, daß alles auch so kommen sollte und daß im Weltgeschehen Absicht und plan., daß in ihm das walten einer Vorsehung sich offenbart. Und gerade diese Begriffe leugnet ja jene Weltanschauung, die sich so gern als naturwissenschaftliche bezeichnet. Sie kennt nicht Zweck und Absicht in der Natur, sie kennt nur Ursachen und ihre Wirkungen, die in unabänderlicher Weise den L^auf der Dinge gesetzmäßig bestimmen, wo soll bei diesem lückenlosen Zneinandergreifen, bei diesem unzerreißbaren Zusammenhang noch platz sein .für eine Vorsehung und ihr walten? Kann andrerseits aber frommer Glaube diese Gesetzmäßigkeit leugnen, die doch jeden außerhalb ihrer selbst liegenden Einfluß, jeden göttlichen willen, jeden Zweck und jede Absicht auszuschließen scheint? Er leugnet sie genau so wenig wie der, der nicht mit frommem Gefühl, sondern mit dem Gefühl des nüchtern wägenden Forschers an die Dinge Herantritt. Aber er weiß, daß diese Gesetzmäßigkeit seine Ueberzeugung von einem alles Geschehen bestimmenden Gott nicht nur nicht aufhebt, sondern sie geradezu notwendig macht.

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