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Liberales Judentum · 1916-09-01 · Heft 9-10 (September 1916) · p. Seite 98

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 9-10 (September 1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Ar. Seligrnann: Zum Neujahrsfeste Wissen denn die friedlichen Zeiten aus eignem Erleben, was Tapferkeit ist und Heldentum? Was Größe ist und Kraft? Wissen sie denn, welche schöpferischen Urkräfte, welche Urgewalten in der Menschenseele unerweckt schlummern? Wie viel Schwung nur darauf wartet, in uns seine Schwingen mächtig zu entfalten? Sst das kein Segen unserer Zeit, daß alle Kleingedanken fallen, alle Armut und Enge des Menschenherzens sich zu einem unerschöpflichen Reichtum, einer unermeßlichen Weite aufgetan haben? Klein waren wir und sind groß geworden. Schlaff waren wir und sind stahlhart geworden. Buntschillernd waren wir, und sind schlicht geworden. Tändelnd waren wir, und sind ernst geworden. Als ein gewaltsamer, furchtbarer Erzieher ist dieser Krieg zu uns gekommen, „aUszurotten und niederzureißen, zu zerstören und zu zertrümmern — um bei alledem aufzubauen und neu zu pflanzen".- Aber war uns allen und ist uns allezeit das große Erleben ein sittlicher Erzieher? Mit dieser Frage der Selbstbesinnung stehen wir vor unserm Gott am Neujahrsfeste. Hat dieser Kriegszeit -Not und Größe alles Kleinliche und Nichtige, alles Falsche und Schlechte, alles Eigennützige und Unwahrhaftige aus unserm Cefren hinweggefegt? Wenn Hunderttausende ihre jungen, blühenden Leiber für das Vaterland opfern, wenn Millionen entbehren und tragen, was keine Phantasie imstande ist, sich auszumalen, in Sturmnächten und der Hölle des Trommelfeuers — tragen wir ohne Murren und Seufzen gerne die so viel leichteren Lasten, die das Vaterland uns auferlegen muß, um uns schützen und ernähren zu können? Habenwir alle Selbstsucht und Genußsucht und Prunksucht in dieser heiligen Gpferzeit weit weit von uns verbannt? Besitzen wir alle jene heiligen Bürgertugenden, die uns würdig machen unseres geliebten großen Vaterlandes? Glüht in uns allen das Opferfeuer, das Religion und Vaterland von uns fordern? ' i Freilich der große Schwung und die hinreißende Begeisterung und die Festtagsoxferstimmung der ersten Kriegszeit können nicht bleibende Stimmung sein. Es liegt in der Begrenztheit der menschlichen Natur, daß die gewaltige Spannung nachläßt. Aber die stetige Kraft und die schweigsame Ausdauer, die ernste Haltung und die würdige Einfachheit, die freudige Selbsthingabe und die Bändigung der Selbstsucht — diese Tugenden können und müssen wir uns bewahren. Nie ist Schwäche und das Hangen am Eitlen und der Eigennutz verächtlicher und widerwärtiger als in Zeiten allgemeiner Not, Wehe den Schamlosen, die in dieser heiligen Opferzeit nur' an ihr kleines Sch und seine Eitelkeiten denken! Sie brandmarken sich selbst und den ehrlichen Namen der Gesamtheit, zu der sie gehören! . So möge dieser Zeiten Not und Größe aufs neue am religiösen Neujahr in uns lebendig werden! So möge im j?osaunenhall des Festes der schrille Mißklang der Zerstörung und Todesnot zur geheimnisvollen Harmonie sich wandeln, aus der die prophetische Verheißung erschallt: „Siehe ich bestelle Dich heute über Völker und Königreiche, aüszurotten und niederzureißen, zu zerstören und zu zertrümmern — um bei alledem aufzubauen und neu zu pflanzen."

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