Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatsschrift für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutfdiland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. M. JIo. g und 10. Jahrgang 8. Septbr. u. Ofetbr. 1916. Zum Heujahrsfefte. Von Rabbiner Dr. Caefar Seligmann-5rankfurt a. in 3al]u schließt feine Pforten hinter | uns, dessen furchtbare Größe das Denken nicht fassen kann. Aus allem Gleichgewicht unseres Seins herausgerissen, fühlen wir nur dumpf das Unerhörte unseres Erlebens und sehen uns hineingestellt in eine Welt, deren- Grundfesten wanken, in eine Trümmerstätte sittlicher Kultur. voll £ug und Trug, in ein Thaos voll 3aminer und Not, voll Verheerung und Schrecken, voll Zerissenheit und Wahnsinn. . Aber das ist ja die wunderbare Segenskraft der Religion, daß sie uns an einen Sinn .des Lebens glauben und das Leben tragen lehrt, auch wenn das Leben unerträglich scheint, daß sie die segnende Hand Gottes uns zeigt selbst im Grauen und Sammer der Zerstörung. So hörte der prophet die Stimme seines Gottes, tröstend und erlösend inmitten zusammenstürzender Welten: „Siebe ich bestelle dich heute über die Völker und Königreiche, auszurotten und niederzureißen, zu zerstören und zu zertrümmern — um bei alledem aufzubauen und neu zu pflanzen."*) Wohl ist der Krieg ein furchtbarer Zerstörer, aber er ist auch ein Erbauer. Er zerstört Lebensgüter, aber steigert Akenschenkraft. *) Jeremia 1, 10. i. m. : Und vielleicht will er uns zeigen, daß wir von der Gottheit nicht so sehr dazu bestimmt sind, an des Lebens Güter unser fjer; zu hängen als unsere Kraft ins Angemessene zu vermehren. Wußten wir denn — bis zu diesem Krieg — wie stark, wie tragfähig wir seien? Wie Unerhörtes wir auf uns nehmen könnten? Eine ungeheure Anpassungsfähigkeit liegt im Menschen verborgen. Und durch jede Anpassung steigert sich unser Selbst, verwirklichen sich neue Entwicklungsmöglichkeiten, die bisher brach in uns lagen. Es ist ein wunderbarer Ausgleich im Leben: 3eder Verlust hat seinen Gewinn, und jeder Gewinn hat seinen Verlust. 3?de Not hat ihren Segen, und jeder Segen hat seine Not. 3™ jedem Leid ruht ein Glück, und in jedem Glück ruht ein Leid. Das sind nicht die Glücklichen, „auf die mit immer vollen Händen die Götter ihre Gaben streu'n." Es gibt arme reiche Leute und reiche arme Leute. i i Wenn aus dem rings umfriedeten Genießen das Schicksal uns hineingerissen hat in Kampf und Todesnot, so ist unserm Geschlecht dafür ein Neues, Großes zuteil geworden, das einem früheren Geschlecht versagt blieb. 1