Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 94 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3126481-3126571-3126575--2136-3128975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
94 Pr. Kalzbevger: Aus meinem Kriegstagebuch VIII. Schüssel, Wein und Mazzos erhielt. Die Hauxtgemeinde, die 320 Köpfe zählen mochte, füllte den mit Geschmack und Liebe ausgeschmückten festlich erleuchteten Theatersaal bis zum letzten Sitz-, und Stehplatz. Die Stühle im Vordergründe nahmen vier jüdische Schwestern, Mffiziere, Aerzte und Gffiziersstellvertreter ein. Von dem erhöhten Betpult, hinter dem auf weißem Grunde das goldene Klagen David im Schein der Kerzen erglänzte, trug Kamerad Glast, ein geschulter Sänger, der sich schon zu den hohen Feiertagen als Thasen bewährt hatte, mit prächtiger Stimme und feinem Verständnis in den Melodien, die den meisten vertraut waren, das Maariw vor. Mit dem Zählen des ersten Gmertages betrat ich die „Kanzel", um dem Erlebnis dieser einzigartigen Stunde Worte zu leihen. Viele, die da vor mir saßen, waren erst vor wenigen Stunden aus ihren Gräben und Verstecken gekrochen, hatten unter ständiger Lebensgefahr die unaufhörlich beschossenen grundlosen Straßen nach rückwärts passiert, bis sie die Kleinbahn oder sonst eine Fahrgelegenheit glücklich erreichten, und nun umfing sie feierliche Stille, Heller Lichtglanz, eine Atmosphäre von Menschenliebe und göttlichem Frieden. „Oie im Traum" kamen sie sich vor, so sagte mir einer aus dem Gefühl aller heraus. Das Bild unserer Kaftara, wie Zosua vor der belagerten Feste Jericho urplötzlich den Engel des Herrn der Heerscharen trifft, der seinen ungestümen kriegerischen Eifer mit den Worten dämpft: Hier gibt's nicht Freund und Feind, hier ist heiliger Boden, das Bild gewann für uns in dieser Stunde eine tiefe persönliche Bedeutung. Und es hielt uns in seinem Zauberbann, bis der Segen gesprochen war, und das gemeinsame Kaddisch für die gefallenen Brüder den Gottesdienst beschlossen hatte. Nach einer kurzen paufe, während deren Mazzos und Wein gereicht wurden, eröffnete ich den Seder mit einer allgemeinen Betrachtung über seinen Sinn und seine Bedeutung. Unter Assistenz des Herrn Glast und des Herrn Levy aus Diedenhofen, der selbst und im Verein mit seiner Gattin sich um das Zustandekommen dieser Feier unfern besonderen Dank verdient hat. verlas ich sodann die Haggada, von Zeit zu Zeit den Text übersetzend und erläuternd. Von den Symbolen der fehlerlosen Sederschüssel, die der ganzen Versammlung sichtbar, vor mir aufgebaut war, konnte zwar nicht allen Anwesenden gereicht werden, aber die innere Beteiligung war allgemein, und wie der Frage des Kindes, die ein Angehöriger der Zsr. Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. vortrug, so folgten sie der eingehenden Antwort des Hausherrn mit der größten Aufmerksamkeit. Mehr als einer mag hier bewegten Herzens halb verklungene Erinnerungen aus den goldenen Tagen seiner Kindheit haben auferstehen sehn und den Vorsatz gefaßt haben, den tiefen Gemütswert dieser poesievollen Feier seinen eigenen Kindern nicht weiter vorzuenthalten — wenn Gott ihn glücklich heitnkehren läßt. Den Mittelpunkt des Abends bildet normalerweise das Sedermahl und den Mittelpunkt des Mahles bilden Eier und Mazzeknödel. Aber wir würden trotz aller Feierlichkeit doch gemahnt, daß wir unter abnormen Verhältnissen 'zusammengekommen waren. Das Essen, für alle das gleiche, bestand aus Fleisch und Kartoffeln und als Nachtisch Gbst und Kaffee. Die Unteroffiziere und Mannschaften „faßten" es, wie der militärische Ausdruck lautet, in ihr laut Armeebefehl mitgebrachtes Kochgeschirr in einer Kompagnieküche, wo Vizefeldwebel Steigerwald aus Heilbronn alles auf's Sorgfältigste vorbereitet hatte, und kehrten dann zu ihren Sitzen zurück. Die Schwestern Mffiziere, Aerzte und Feldwebel und wer sonst ohne Messer, Gabel, Löffel, und Teller gekommen war, wurden im Lass bewirtet, das die „Filialgemeinde" räumte. Nach dem Tischgebet, das der eben erst ins Feld einrückende