Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 93 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch VIII. 93 lichen des Elternhauses sehend, viele.in Gedanken an Brüder, Vettern, Freunde verloren, die in Frankreichs oder Rußlands Erde ruhen, alle aber kämpfende, helfende Zeugen der großen Zeit, da Gott wie einst in Aegypten, Münder und Zeichen tut, das Joch der Knechtschaft, das der mächtige Feind in RebErhebung und Furcht einem freien Volke auf den Nacken zwingen wollte, in Stücke zu brechen. Mie sich in dieser ganzen Andacht lebendigste Gegenwart mit altersgrauer Erinnerung, des deutschen Vaterlandes Not und Erhebung mit dem Ccib und dem Stolz der Geschichte Israels innig verknüpfte, so war sie durchaus jüdisch nach der Sitte der Väter und gleichzeitig eingerahmt von zwei mit Orgelspiel begleiteten vaterländischen Liedern. Angesichts des großen Zudrangs mußte ich das anschließende Sedermahl in dem für diesen Zweck hergerichteten geräumigen, aber doch nicht ausreichenden Saal des Tribunals für drei Abteilungen geben und die Vorlesung der bsaggada, die in der überlieferten wie in der von Seligmann bearbeiteten Gestalt benutzt wurde, entsprechend kürzen. An der Ouertafel, die die längs aufgestellten einfachen Tische verband, saß zwischen zwei Leuchtern, vor sich die dreistöckige Sederschüssel, links und rechts vor sich die Schwestern, Offiziere und Aerzte, der „Hausherr". Nur die erste Feier leitete er selbst, die zweite übertrug er, froh, auch einmal zuhören zu dürfen, einem alten Landstürmer, die dritte dem jungen Sohn des Rabbiners Meyer aus Regensburg. An jeder Feier beteiligten sich etwa \50 Mann. Gewiß, so mancher aus religiösem bsause wird schmerzlich die anmutige Meihe, die dort über diesem Abend lag, vermißt haben. Aber dem herben Ernst, der ursprünglich dieser Nacht des blutigen jDassahopfers eignet, und der Eilfertigkeit, mit der die Ahnen einst, die Lenden gegürtet, den Stab in der Sand, die Manderschuhe an den Füßen das Brot des Elends aßen, kam unsere schlichte Feldfeier ohne Zweifel näher. Im übrigen darf ich annehmen, daß im bloß leiblichen Genüsse kein Tischgenosse zu kurz kam, wenn freilich auch anstelle der vier Becher Meins ebensoviel Züge aus dem einen mitgebrachten Becher treten mußten. Am Ende jeder Feier verteilte ich Zeitungen und Zeitschriften jüdischen Inhalts, insbesondere die vom „Verband der deutschen Juden" gestiftete j)assah-Festschrift für unsere Soldaten im Felde. Den Dank, den ein Kamerad im Namen aller mir darbringen wollte, übertrug ich gebührend auf die edlen Spender und Spenderinnen meiner Frankfurter Gemeinde, die das größte Verdienst um das Gelingen dieses Seder hatten. Es war genau Mitternacht, als wir mit wajehi bachazi halailo von einander schieden. Gruppen blieben noch auf der Straße beisammen; da waren Landsgenossen, Freunde, Brüder, die sich, verabredet oder zufällig, hier trafen und ein frohes Miederfehen feierten — wie beglückend ist solch ein Strick Heimat hier draußen! Auch ein Vater mit seinem Sohn war zugegen gewesen. Allmählich wurde es still in den dunklen regentrüben Straßen des Städtchens. Fern der Gefahr haben die Braven diese Nacht der .Obhut in den vorbereiteten Ouartieren sicherlich gut geruht. Am nächsten Morgen fanden sich eine Anzahl Beter noch zum Schacharis zusammen, ehe sie in ihre Stellungen zrrrückkehrten. Dienstag. Abend kurz vor 7 Uhr marschierten unter Führung des Feld- . webelleutnants Mangenheim aus Elberfeld gegen 300 Mann vom Rathausplatz in L. in geschlossenem Zuge nach dem Lichtspieltheater. Ihre Zahl erhöhte skch rasch auf nahezu ^OO, sodaß ich mich genötigt sah, eine kleine „Filialgemeinde" abzuzweigen und sie nach dem für diesen Fall vorgesehenen gegenüberliegenden Tafe zu verweisen, wo sie ihren eigenen Vorbeter, ihre Seder-