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Liberales Judentum · 1916-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1916) · p. Seite 92

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1916)
Date
1916-07-01
Page
Seite 92 (sequence 20)
Language
German
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92 Dr. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch Lens zu nehmen, weil Gott sie genommen hot — dos brauche ich keiner fühlenden Seele zu schildern. All diese wechselnden Situationen häuften sich naturgemäß in den Wochen und Monaten der großen Offensive, und so waren auch die Sterbefälle allein der jüdischen Kameraden, die in den Lazaretten ihren Leiden erlagen, häufig genug. Soweit es irgend angeht, werde ich von jedem solcher Fälle im Bereich der Armee sofort telegraphisch in Kenntnis gesetzt, um die Beerdigung vollziehen oder doch ihr beiwohnen zu können. Denn in der Regel sind mehrere Tote gleichzeitig zu bestatten, sodaß einer der christlichen Kollegen die gemeinsame Grabrede hält; freilich, zweimal geschah es schon, daß auf ihren Wunsch und in ihrem Beisein ich dies Amt übernahm. Diese Eintracht der Bekenntnisse angesichts des Todes, der für Thrist und Jude so der gleiche ist wie der mütterliche Schoß der Erde, der beide aufnimmt, hat etwas wunderbar Versöhnliches inmitten alles Jammers dieses Krieges. Als ein rechtes Fest der Erlösung kam nur und meinen jüdischen Kameraden nach schwerem Dienst das Passah-Fest. Lin Vierteljahr lang war zu gemeinsamen Feldgottesdiensten weder 'Zeit noch Gelegenheit gewesen; nun sollte uns die schönste religiöse Familienfeier unserer Religion entschädigen. Nach einem Beschluß der Feldrabbinerkonferenz in Gent (29. Februar) waren schon geraume Zeit vorher Mazzos und Passah-Wein für das ganze Westheer gemeinsam bestellt worden. In zehn großen Kisten ttaf wohlverpackt das Festmahl ein, das der hochherzige Sinn der Damen aus der „Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge", an ihrer Spitze Frau Rabb. Dr. Seligmann, uns zugedacht: fOO Kilobüchsen Gemüse und Obst, Apfelsinen und Makronen, wein und Honig. Noch fehlte das Hauptgericht. Aber dem Fleischmangel unserer Tage zum Trotz gelang es dem eifrigen werben des Herrn Rabb. Dr. Nobel einen halben Zentner rituelles Rauchfleisch zu beschaffen. Lin zuverlässiger jüdischer. Metzger übernahm die Zubereitung, und nun begann in meiner Küche ein Kochen in den gekascherten Kesseln, das jeder Hausfrau Ehre gemacht hätte. Meine Sorge, es könnte von den enormen Quantitäten übrig bleiben, schwand rasch; ich wußte noch nicht, was dazu gehört, einige hundert Mägen, noch dazu Soldatenmägen zu sättigen; auch ließ sich bei der Gefechtslage die Zahl der Teilnehmer nicht einmal annähernd vorher berechnen. Der Armeebefehl, der nach meinem Entwurf acht Tage vor dem Feste Grt, Tag und Stunde der religiösen Andacht und des anschließenden Seder bekannt gab, hätte ungeahnten Erfolg. Montag den f7. April abends 7 Uhr fanden sich zu St... in der Kirche, dem einzigen größeren Raum, der uns für diesen Zweck zur Verfügung gestellt werden konnte, etwa 500 Beter, unter ihnen fünf jüdische Krankenschwestern, zwei .Dffiziere und mehrere Aerzte ein; auch vier russischen Glaubensbrüdern aus dem nahen Gefangenenlager war auf mein Ersuchen gestattet worden teilzunehmen; sie sahen in ihren Gala-Uniformen recht stattlich aus und fühlten sich offenbar für die kurze Stunde dne chorin, als freie Männer. In Ermangelung eines Lhasen — unser vortrefflicher Vorbeter von früheren Festgottesdiensten, Löbmann aus Kattowitz, war kurz vorher gefallen — mußte ich das 'Abendgebet vortragen. Die predigt folgte der Tefilla. Oie große Gemeinde, die das lange Mittelschiff der Kirche vollständig füllte und im Halbdunkel des Hintergrundes sich verlierend noch größer erschien, war mir selbst die eindruckvollste predigt. Aus allen Teilen unseres deutschen Vaterlandes waren sie hier, auf fremdem Boden,, zu einer einzigen Gemeinschaft zusammengewachsen, die meisten noch erfüllt von den gräßlichen Bildern der letzten Tage und mit der Seele die lieb-

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