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Liberales Judentum · 1916-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1916) · p. Seite 91

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1916)
Date
1916-07-01
Page
Seite 91 (sequence 19)
Language
German
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91 Ar. Salzberger: Ans meinem Kriegstagebuch VH1. Nur hören konnte ich von alledem; die Erzählungen der Verwundeten oder derer, dis für einige Tage aus der Front zur Erholung zurückkamen, deuteten mir die weithin vernehmbare Sprache der Geschütze. IDcrs ich sah, waren die mehr oder minder schweren Verletzungen und Verstümmelungen, die all die mörderischen Waffen dieses Krieges an jungen Menschenleibern angerichtet hatten. Man sieht diese Wunden jetzt zumeist offen, unverbunden. Die Gefahr des häufig auftretenden vielfach tätlichen Gasbrandes soll durch den Zutritt der Luft vermindert werden. Es war mir anfangs schwer, den Anblick zu ertragen; aber der beschämende Vergleich mit dem, was diese Armen gesehen und .erlitten haben und noch erleiden, ließ mich das Grauen überwinden. Auch die Seelsorge selbst ist schwerer geworden; es herrscht nicht mehr die Begeisterung der ersten Zeit. Reiner zweifelt daran, daß wir siegen werden. Aber der Kampf ist zu bitter und verbissen, als daß nicht die Sehnsucht nach Frieden übermächtig geworden wäre. Die Zahl der Erkrankten ist gestiegen; die Nerven haben durch die fortwährenden Erregungen an Widerstandskraft eingebüßt. Die jüdischen Kranken und Verwundeten, die ich, wenn auch, ans die Kriegs- und Feldlazarette verteilt, antraf, waren nicht wenige. Manche staunten in naiver Freude, daß ich gerade sie unter so vielen herausgefunden. Aber eine Beruhigung und Aufrichtung, das Gefühl hatte ich deutlich ist es allen, wenn auch zu ihnen ihr Seelsorger kommt, mit ihnen plaudert, ihnen zu naschen oder zu rauchen bringt, ihnen vorliest oder für sie schreibt. Wie manches Wiedersehen habe ich da schon erlebt! Den ich noch wenige Wochen zuvor voll froher Zuversicht unter mein^ Feldgemeinde gesehn, liegt jetzt hier, womöglich in demselben Raum, der uns damals zum Gebet vereint, mühsam atmend, mit durchschossener Brust. Doch sein Wille zum Leben, die Kunst des \ Arztes und die pflege der Schwester steuern das schwanke Schiffkein seines Schicksals rascher und sicherer als der Draußenstehende gemeinhin glaubt, an der gefährlichen Klippe vorüber, und eines Tages, wenn der Seelsorger wieder Nachfragen kommt, lautet die Auskunft: ist mit dem Lazarettzug nach Deutschland gekommen — „Lazarettzug nach Deutschland", die Sehnsucht aller, die auf hartem Schmerzenslager erst ganz zum Bewußtsein der Fremde und ihrer Vereinsamung gelangen. Zn der Zwischenzeit entwickelt sich häufig ein reger Briefwechsel zwischen den Angehörigen und dem Feldrabbiner. Es kommt vor, daß dieser die erste Nachricht über die Tatsache und die Art der Verwundung des Sohnes oder Gatten oder Bruders gibt. Aber wie gewissenhaft und eingehend sie auch sei, sie genügt natürlich nicht. Die besorgten Lieben daheim wollen mehr und immer mehr wissen, ob es auch wirklich keine Gefahr habe, ob nicht der Vater den Patienten besuchen, ob dieser nicht bald in ein Lazarett seiner Vaterstadt gebracht werden könne, was man ihm schicken dürfe u. s. f. Zn der Besorgnis^ daß unsereiner den, Allernächsten nicht die volle Wahrheit zu sagen sich getraue (eine weit verbreitete, aber irrige Annahme), meldet sich bisweilen noch ein Dnkel oder der Lehrer oder Rabbiner aus der Seimatsgemeinde und ersucht um „wahrheitsgemäße" Auskunft. — Die Einigkeit jüdischen Familienlebens kann sich eben nirgends verleugnen. Wie gern man einem jeden berichtet, daß es wirklich und wahrhaftig nicht schlecht geht und begründete Aussicht-auf eine vollständige Heilung vorhanden ist, wie gern man täglich berichten würde, wenn die Zeit es gestattete, den Patienten täglich zu besuchen; wie schwer es einem fällt, über einen operativen Gin- - griff, eine notwendig gewordene Amputation Mitteilung zu machen, wie unendlich schwer, einem Vater, einer Mutter, einer Gattin die letzte Hoffnung auf Erhaltung des teuren Le-

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