Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 90 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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90 SaHvergrr; Aus mriurw Kriegstagebuch VIH. weniger als ein Zehntel der Zeit, die die Herbstoffensive der Franzosen in der nahen Champagne für ihre Artillerievorbereitung aufgewendet hatte, aber es war überwältigend. viele Meilen weit drang das mörderische Toben der Tausende von Geschützen, die seit Mochen bereit standen, wie eine Arena entfesselter Bestien auf einen Mink sich auf ihre Beute zu stürzen — und doch atmeten wir auf. Und wie furchtbar der Kampf auch war, der mm folgte, der Kampf Mann gegen Mann um jeden Mald, jedes Dorf, jedes Tal und.jede Höhe, wie entsetzlich die Vxfer waren, die er unsere Gegner und wie schmerzlich die Verluste, die er uns kostete, es war doch ein Hochgefühl zu erleben, wie es vorwärts ging. Mit unerhörtem sieghaftem Ungestüm drangen Frankfurter, Brandenburger, Posener und Schlesier von Nord und Nordrodi, von Ost und Südost gegen den immer siaH erneuenden und verstärkenden lebendigen Mall von Menschenmassen, von feuerspeienden Kanonen und Maschinengewehren heran und schoben ihn mehr und mehr gegen die Trutzburg zurück, die er stürzen sollte und die fast gänzlich in Trümmern liegt. Aber der Feind weiß, daß es nicht um die Burg und nicht um ein Stück Erde, sondern um das Gänze geht, und setzt, sich mit dem Mute der Verzweiflung zur Mehr. Immer neue Divisionen wirft er in das Riesenbecken um Verdun, auch Schwarze und Neger und demnächst auch seine Freunde aus Rußland. Jeder fußbreit Boden wird mit äußerster Zähigkeit verteidigt, und muß er endlich preisgegeben werden, so ist kein Gxfer zu, groß, seine Miedereroberung zu. versuchen. Die Landschaft wechselt ihr Gesicht, obwohl doch kaum irgendwo ein menschliches Mesen sichtbar ist; nach des Propheten Mort, aber freilich ganz anders als seine Hoffnung es geschaut hat, füllen sich die Täler und werden die Hügel zum Tal. Mas hier vor sich geht, ist so gigantisch, daß nur eines Propheten Sehergäbe es ahnen, nur die Phantasie eines großen Dichters es nachbilden könnte. Alle die „Meitgereisien", die in Rußland und Serbien, auf den Karpathen und vor Hpern gekämpft haben, erklären, das alles fei Kinderspiel gegen Verdun. Ja selbst Loretto, der schrecklichste der Schrecken, verblaßt in ihrer Erinnerung vor dieser blutroten Gegenwart. Gewiß, es ist nicht mehr die ermüdende und zermürbend^ Eintönigkeit des Schützengrabenkampfes; es ist aber auch nicht der Bewegungskrieg, von dem so mancher, der noch, die ersten Mochen des Krieges mitgemacht, seit langem geträumt hat, das sorglose vorwärtsstürmen durch freies Gelände. Die Bewegung, der eigentliche Sturm ist auch hier, bei der gründlichen Vorarbeit der Artillerie, vergleichsweise ein Leichtes. Die erstürmten Gräben sind eingeebnet, leer, tot. Mer sie zu halten und behaupten gegen das schwere feindliche Feuer, das sich nun auf sie richtet, und gegen die mit Handgranate und Bajonett unmittelbar folgende feindliche Infanterie, diese Art Stellungskampf ist etwas Neuartiges, Ungekanntes, Dämonisches. Darin sind Freund und Leind einig: Verdun ist die Hölle, die fauchende, heulende, berstende, krachende, flammende, Menschen erstickende, zermalmende und verschlingende Hölle. Daß Menschenaugen das sehen, Menschenohren das hören, Menschenhirne das fassen und ertragen können, Tag und Nacht, Mochen und Monate hindurch — wer hätte das nach lVs Jahren aufreibenden Krieges für möglich gehalten? Es ist ein ungeahnter höchster Triumph des menschlichen Geistes, der dort dem Millen gebietet: du darfst nicht unterliegen, und hier: Du mußt siegen. Ehrfurcht ist das einzig geziemende Gefühl gegenüber diesen Helden, die all dem Furchtbaren, was auf sie unausgesetzt einstürmt, die der Furcht in der eigenen Brust zum Trotz auf ihrem poffen ausharren, jeder einzelne ein ganzer Mann.