Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 86 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Joseph Kauffrnann: Der Krieg und dir göttliche Moltregierung den Stadt zum Weltreiche. Der gewaltige Aufschwung der vereinigten Staaten von Nordamerika begann nach dem Befreiungskriege vom englischen Joch und der Aufschwung Deutschlands auf wissenschaftlichem, technischem und kommerziellem Gebiete folgte dem Kriege von ^870—l87s. Wer vermag aber zu sagen, ob solche Kriege wirklich im piarte der Weltenleitung liegen! Aber wir wissen, daß allen großen Kriegen gewaltige Umänderungen gefolgt sind, die von einschneidendster Bedeutung für die Kulturmenschheit wären. Denke an die Alexanderzüge, an Cäsar und Napoleon. Sollten solche Weltumwälzer, derartige Marksteine der Geschichte, rein zufällig aufgetreten sein, sollten sie nicht vielmehr der Weltleitung als Werkzeuge und Willensvermittler gedient haben? Line bestimmte Antwort hierauf geht über unsere Kraft. Auch kann wohl kaum eine Befriedigung in den Ansichten liegen, daß nur Glück, die stärksten Bataillone oder die besten Waffen den Sieg herbeiführen. Weder die Schweizer noch die Makkabäer hatten die Zahl oder die beste Ausrüstung aus ihrer Seite, als sie ihre Freiheit erkämpften, winzig und kaum bewaffnet erscheinen sie im Vergleich zu ihren Gegnern. Zhre Vaterlandsliebe, ihre Aufopferung, ihre gerechte Sache brachte ihnen das Kamxfesglück. Wir können nicht umhin, wenn wir nicht aus Voreingenommenheit halsstarrig sein wollen, müssen wir eine Fügung, einen Willen der höheren Macht in solchem Davids - Goliath - Siege mindestens nicht für ausgeschlossen erachten. Solche Fügung erscheint an unzähligen Stellen der Geschichte — wir pflegen sie glückliche Zufälle zu nennen. Wenn Unser Fritz eine Stunde zu spät das Schlachtfeld , von Königgrätz erreicht hätte, wenn Blücher nicht zur rechten Zeit dem Wellington zu Hilfe gekommen wäre, wenn die Kaiserin. Elisabeth von Rußland ein Jahr länger gelebt hätte — welches andere Bild würde die Weltgeschichte gezeigt haben! Und die Geschichte der Zuden, die uns Nächstliegende eigene Stammesgeschichte? Kein Stamm, kein Volk hat so andauernde Leidenszeit durchgemacht, so durchgehend während seines ganzen Bestehens unter den gewaltigsten Anfeindungen und Anstürmen zu leiden gehabt, wie wir seit mehr als 3000 Zähren, wir, -das winzigste aller Völker. Zu allen Zeiten sind unsere Gegner in der Wahl ihrer Mittel zu unserm Verderb nicht spröde gewesen. Man hat uns versagt von Grt zu Grt, von Land zu Land, mit Feuer und Schwert, mit Hunger und Folter uns auszürotten versucht, aber wir leben und bestehen dennoch, unsere Zahl ist nicht verkleinert, unser Mut nicht 'gebrochen, unsere Lebenskraft nicht geschwunden. Wahrlich! von Glück berichten ' die Blätter unserer Geschichte recht wenig, nur von Not, Elend /und Unglück, aber als einziger Ueberrest aus altersgrauer Zeit sind wir allein von allen Völkern der Vorzeit übrig geblieben, weil wir felsenfest auf Gottes Hilfe vertraut, unbeirrt an die von der Vorsehung gewollte Erhaltung geglaubt, mit vollster Sicherheit unsere noch unvollendete Aufgabe für die Menschheit erkannt haben. Nicht Glück, nicht Kraft und nicht Zufall haben uns erhalten, sondern der Wille Gottes.! Wohl stellt der Krieg große Ansprüche an den Einzelnen und an die Gesamtheit, gewaltige Gpfer an Gut und Blut müssen aufgewendet werden, aber das Ziel des Kampfes ist des Edelsten und Höchsten wert. Kein Gpfer wird umsonst gebracht, und jeder Einzelne muß stolzen Mutes Mitwirken, mitbluten, um das Ganze zu erhalten, um die Zukunft zu sichern. Unsägliches Elend bringt der Krieg über weite Landstriche, viel Kummer und Schmerz über zahllose Familien, er schafft Witwen und Waisen. Aber die