Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Joseph Kausftnann: Arr Krieg und dir göttliche Meltrrgirrung schlanke j)almen wiegen dort ihre weit-, ausladenden Kronen am Rande der blumengeschmückten Wüsteninsel. hochragenden Hauptes steht bei ihnen die buntgekleidete Giraffe, labt sich am frischen Grün fungsprössender f)almenwedel. Sie weiß nicht, daß 'durch das Verzehren der Herzkrone der stolze Baum dem Tode geweiht ist — sie vertilgt, um selbst zu leben. Ewiger Friede scheint über die Gruppe ausgebreitet zu sein. Aber die Natur kennt keinen Frieden — schon lauert hinter dichtbelaubtem Gebüsch das funkelnde Aüge des mächtigen Wüstenkönigs, gierig den richtigen Augenblick zum wohlberechneten Sprunge auf das erkorene Dpfer erspähend. Wir sehen das Trauerspiel schon nahen, wenige Minuten werden uerstreichen, und das hohe, fchöne Tier liegt <rls blutige, zuckende Masse unter den Franken des Räubers, der es vernichten muß, um selbst bestehen zu können, um seinen Sprößlingen die Nahrung zu bereiten, derer sie zum heranwachsen bedürfen. Werden und Vergehen, Fressen und Gefressen werden ist das Los der Geschöpfe! Krieg aller gegen alle. — * hörst du dort den wilden Schrei des brünstigen Hirsches, den aus weiter Ferne erschallenden zornigen Gegenruf seines Nebenbuhlers? Warte nur, binnen Kurzem werden sie aufeinanderprallen im heftigsten Lieb erkämpfe, w eitschallend schlagen dann ihre vielzackigen Geweihe aneinander, Schlag auf Schlag, Stoß gegen Stoß, bis endlich der stärkere oder gewandtere Sieger aus schaumumflossenem Geäß des stolz erhobenen Hauptes seinen schmetternden Siegesruf erschallen lassen kann. Hirsch gegen Hirsch — Art gegen Art — Bruder wider Bruder: Der Kampf ums Dasein, Sieg des besser Geeigneten über den schwächer Veranlagten, rücksichtlosestes Geltendmachen des eigenen Vorteils, das ist der natürliche Lauf der Welt, also wohl Naturgesetz. Wenn es Naturgesetz ist, muß dann nicht auch der Mensch diesem Gesetze unterworfen sein, ist er doch äuch ein Stück der Natur? Muß!d!ann der Menschenkampf nicht auch > im f)lane der Weltenleitung liegen? Gewiß! lautet die Antwort der einen Richtung; seit Darwin uns in unumstößlichen, wissenschaftlich begründeten Beweisen den „Kampf ums Dasein" entwickelt hat, seitdem wir wissen, daß auch der Mensch nur eine Entwjckelungsstufe der Tierwelt darstellt, steht es für uns einwandsfrei fest,, daß auch-der Mensch den Naturgesetzen voll unterworfen ist, daß, wenn es eine Weltenleitung gibt, wenn nicht vielmehr nur ewige mechanische Gesetze d as Weltall leiten, es auch im j)lane der Weltenleitung liegen muß, daß -Menschen sich rücksichtslos bekämpfen, wenn es ihre Lebensinteressen bedingen; daß das stärkere Volk berechtigt ist, das schwächere, weniger entwickelungsfähige zu unterwerfen, zu vernichten, um selbst zu höherer .Stufe emporzusteigen, um weitere Entwickelungsmöglichkeiten zu finden. Eine andere Ansicht hält entgegen: Sind denn aber die durch menschliche Beobachtungen in der Natur gefundenen Bedingungen, mögen sie auch noch so kräftig bewiesen sein, auch m Bezug auf den Menschen als unabänderliche Naturgesetze an'usehen? Können wir wissen, ob die vor 60 Jahren aufgestellten Entwickelungslehren neueren Forschungen standhalten, ob nicht nach ferneren 60 fahren neue Entdeckungen, andere Grundsätze bestehen? Ist nicht so manches von einer Generation erkannte und anscheinend bewiesene Naturgesetz in einer späteren Epoche umgestoßen worden? Auch die Wissenschaft unterliegt ewiger WKterentwickelung, und das in der Natur von Menschen erschaute Gesetz einer .zeitigen Wissenschaft braucht doch nicht unumstößlich zu sein. „Wer erforschte den Geist des Herrn, und wem gab Gott seinen Ratschluß kund?" spricht der alte Prophet. (Ies. ^0,-J3). .