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Liberales Judentum · 1916-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1916) · p. Seite 81

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1916)
Date
1916-07-01
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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Joseph Kauffmann: Aer Krieg und Lir göttliche Wettregirrrrng 81 Der Krieg unä die göttliche Weltregierung. Von lolepk Kauttmann-berlin. ehr verschieden sind die Menschen, gar ungleich in ihren seelischen Eigenschaften, in ihrem Denken und Fühlen, im Dulden, und Ertragen. Glücklich derjenige, der sein bedrängtes Gemüt durch inniges Gebet erleichtern kann. Nicht jeder kann gläubig zum Schöpfer und Erhalter der Xt>elt sich wenden, nicht jedem sind stille Ergebung, vertrauensvolle G'emütsstärke beschieden. Wie manches Herz zermartert sich in unnötigen Sorgen, wie mancher Geist, beunruhigt sich durch schreckhafte Sinnesvorstellungen! Unsere alten Meisen, die das Menschenherz so gründlich verstanden, kannten auch den schweren Druck der Sorgen; aber sie wußten auch, welche Gefahren dauernde Befürchtungen, ständige Beunruhigungen mit sich bringen. Aus ihrer Seelenkenntnis entstand das dringende Mahnwort: „Gib nicht Raum in deinem Herzen, verfrühter Sorg', vorzeitigen Schmerzen; Unnöt'ge Sorg' den Geist verheert, Das Herze schwächt, den Leib verzehrt. Stark mach dein Herz, den Geist bereit. Wenn Sorgen kommen zu ihrer Zeit!" Talmud (Sanhedrin sOO, Berachoth 9)- Die Sorgen kommen ungerufen, man kann sie nicht bannen, aber muß sie bekämpfen. Und die Sorge schreitet vor den Ereignissen, sie hindert sie nicht, sie fördert sie nicht. Der Bruder der Sorge aber, ihr Begleiter und Förderer, ist der Zweifel. Je größer die Sorge, desto bohrender der Zweifel, je Unbegründeter die Schwester, desto stärker und dreister der Bruder, desto lauter sein „warum?", desto dringender sein „weshalb?" Der bangenden Sorge entspringen die zweifelnden, sich steigernden Fragen: müssen die Menschen sich bekämpfen? Liegen Kriege im' plane der weltenleitung? Kann Gott, dem wir Allgüte zuschreiben, das schreckliche Ringen dulden? Müssen Menschen sich bekämpfen? Zwei Meinungen stehen sich schroff entgegen: Die eine hält den Krieg zwischen Mensch und Mensch, Volk gegen Volk für naturnotwendig, naturgesetzlich; die andere verneint mit aller Entschiedenheit jede Berechtigung eines blutigen Streites. — wohin wir in der Natur unser Auge auch schweifen lassen, wir sehen Kampf, Kampf des Starken gegen den Schwächeren. Siehe dort die rote Insel im Nordmeere, mit dem weißen Strande und dem grünen Wiesendache, . wild umbraust von den erregten wogen der sturmgepeitschten See! Unaufhörlich branden donnernd die Wellen wildschäumend gegen die steil aufstrebenden Riesenfelsen, scheinbar zwecklos, erfolglos. Aber hie und da gelingt es ihnen doch, ein Bröcklein abzureißen, einen kleinen Spalt zu erweitern. Tag für Tag, Jahr für Jahr, wiederholt sich das Spiel — nach Jahren sind aus den Bröcklein mächtige. Steinmassen geworden, nach Jahrtausenden ist Fels um Fels zertrümmert, die Insel ward kleiner und kleiner. Es -ist äbAisehen, daß allmählich das starke Meer den schwächeren Felsen bezwungen haben wird, daß nach wetteren Jahrtausenden das schöne dreifarbige Eiland vom Meere verschlungen sein wird, daß anstelle des Weißen Strandes, auf dem heute heitere, sommerlich gekleidete Menschen ^sich fröhlich tummeln, nur eine weite, wogende Wasserfläche sich dehnt. Ewiges vergehen ist Gang der Natur, alles Irdische muh einmal enden unter dem Ansturm des Stärkeren. —

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