Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Ar. Samuel: Sabbat oder Sonntag? tum tritt dem Raubbau an der menschlichen Kraft (ja sogar an tterischen Kräften) entgegen; die soziale Tendenz des, Sabbats unterstützt vorteilhaft die religiöse; dem Unselbständigen, Unfreien und wirtschaftlich Schwachen darf von der Gesellschaft die ununterbrochene Arbeit nicht auferlegt werden, darauf liegt der volle Nachdruck des Gebots. Trifft die Gesellschaft Einrichtungen, die allen ohne Unterschied des Bekenntnisses einen möglichst arbeitsfreien Tag gewährleiste, dann darf das Judentum, unbeschadet seiner spezifisch religiösen Besonderheiten (Freitagabend und Samstagmorgenfeier), an jener heilsamen Lebensordnung einen entsprechenden Anteil nehmen. Hier eröffnen sich aber weitere Fernsichten. ZfCan wird sich erinnern, daß kurz vor Ausbruch des Krieges eine Sonntagsnovelle zur Erörterung stand, die die Freigabe einiger Sonntagsstunden für Kontorarbeiten denjenigen, jüdischen Kaufteuten bringen sollte, die nachweislich am Sabbat ihre Geschäfte geschlossen hielten. Kein noch so liberaler Rabbiner hat gezögert, diese Bewegung zu unterstützen; viele versicherten sich bereits der Zustimmung der Abgeordneten; auch ich erfreute mich der Zusage eines so einflußreichen Volksvertreters, wie es gegenwärttg Iustizrat Dr. Bell ist. Der Rabbinerverband i. D. erlangte ein Stücklein Sabbatheiligung beim Herrn Handelsminister zugunsten von Handels- und Fortbildungsschülern. weist uns nun etwa der Krieg in eine andere Richtung? Vor dem Feinde verstummen die Ansprüche des Sabbats, das ist alte Lehre des Judentums, wie jede andere lebenbedrohende Not die Sabbatheiligung aufhebt, grade um für friedliche Zeiten Menschen und Sabbat einander zu erhalten. Das Entgegenkommen der Militärbehörden gegenüber dem Verlangen jüdischer Mannschaften, die altgeheiligten jüdischen Festzetten bis weit vorn an der Front zu halten, redet eine lehrreiche Sprache. Hier kam ein dringender religiöser Ruf von Menschen, die sonst fraglos ihre vaterländische Pflicht tun, darum mußte ihm Genüg!e geschehen. Im Frieden wird der jüdische Bürger, der Kaufmann, der Beamte kein schlechterer Deutscher sein, wenn er Anspruch auf seine Sabbatfeier erhebt und Vergünstigungen dafür verlangt. -Nur muß er selber darauf antragen, und den Sabbat in seine Lebensordnung entschlossen wieder aufnehmen. Gb dies geschehen wird, steht dahin. Wir wollten nur begründen, weshalb der liberale Rabbiner schwere Bedenken trägt, an der Niederlegung der letzten. Reste des historischen Sabbats mitzuwirken, und sich kurzerhand für den Sonntag einzusetzen. Heute, unter den Erschütterungen des Weltkrieges, ist es die Forderung der Stunde, den Geist von in Kraft zu erhalten. Das war auch ein religiöser Geist, der sogar für einige Wochen die Synagogen am althergebrachten, heiligen Sabbattage füllte! Für wenige Wochen. Lasse sich dadurch entmutigen, wer da wolle. Die heimkehrenden Krieger werden mitzuentscheiden haben, ob Sabbat oder Sonntag? Inzwischen wollen wir hier jenem die Treue nicht aufsagen. Der Freitagabend besitze unsere volle Liebe; der Vormittag unsere aufmerksame Sorge! Die Kinder aber sollen den Sabbat nicht nur lernen, sondern leben; sie können es noch; vorzüglich unsre jüdische Volksschule erhalte der ihr anvertrauten Jugend den Sabbat. Da wollen wir zuerst mit aller Kraft einsetzen, wir ^Männer des Wortes und der Lehre.