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Liberales Judentum · 1916-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1916) · p. Seite 79

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1916)
Date
1916-07-01
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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Kr. Simmel-: Sabbat oder Sonntag I 19 masfe der deutschen- Juden trägt diese Schuld; j nicht etwa der liberale Flügel besonders! Die entschiedene Reformpartei hat ihren Sonntag eingerichtet; sie umfaßt viele überzeugungstreue Juden, die anscheinend auf jede W erbStätigkeit verzichten; ihnen müßten auch in der religiösen Hebung alle sich anschließen, die ihren Standpunkt teilen, ungeachtet der „Erfahrungen" der Reformgemeinde. Die Orthodoxie wiederum »hat den Sabbat und meist volle Gotteshäuser. Nur wir von der großen Hauptpartei, ob rechten oder linken Flügels, pendeln hin und her, und haben die gähnend leeren Synagogen. Soll dieser Zustand dauern? Vielleicht fangen wir Rabbiner bei uns - an und bekennen schlecht und recht, daß wir vor dem Erwerbstrieb der Begüterten zu schnell die Waffen gestreckt und uns der Abbröckelung des Sabbats nicht energisch genug widersetzt haben! Worte allein tun's freilich nicht, auch nicht die schönsten predigten gegen die, so nicht dabei sind. Seine Ohnmacht einzugestehen, ist man erst berechtigt, wenn alle Mittel erschöpft sind. Wir sind aber den Dingen nicht so zu Leibe gerückt, wie nötig gewesen wäre. Wir können bisher auf keine Aktion zugunsten des Sabbats Hinweisen, die die Erwerbsklassen betraf, und „den Knecht und die Magd", sagen wir etwa Handlungslehrlinge und -lehrmädchen, am Sabbat von 9—U vom Dienst zu befreien versucht hätte. Selbst die Uebung, Schüler der höheren Lehranstalten an jedem Sabbat im Gotteshause zu versammeln, wird nur noch vereinzelt aufrecht erhalten, dagegen allerdings dem Jugendgottesdienst mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Aber gibts in den Gemeinden nicht Leute genug, die entweder ganz ohne wirtschaftliche Beeinträchtigung, oder mit Uebernahme geringer Unbequemlichkeiten die Hauptandacht des heiligen Tages zwischen 9 und U Uhr besuchen könnten, wären religiöser Trieb und jüdischer Stolz groß genug, um dem Erwerbstrieb und der Gleichmacherei unserer Zeit die Wage zu halten?! Wir werden in keiner Einsicht den Widerstand gegen den Materialismus mit Erfolg leisten, wenn wir nicht den Kampf ums Reichsein als etwas anderes ansehen lernen, denn den vielberufenen, nackten Daseinskampf; und diesem und jenem nicht den Kampf ums Mensch- und ums Iudesein entgegensetzen. Werden uns alsdann die übrigen Tagesstunden abgerungen, geht wirklich der Kaufmann in sein Kontor, der Beamte zu seiner Tagespflicht (im öffentlichen oder privatdienst), der Arbeiter selbst zu seinem Werkzeug, so haben wir ihm doch ein Stück Sabbat mit aus den Weg gegeben. „Weihe entströmt dem Gemüt" (so habe ich schon vor Jahren einmal ausgeführt); die Arbeit in erhöhtem Geiste und ethischer Pflichterfüllung (nicht darüber hinaus) kann nicht gottwidrig sein; der formalen Entweihung fehlt der Makel -des bösen Willens. Verteilt sich so Gehalt und Wert des Sabbats auf wenige Stunden, so kann die staatsgesetzlich gebotene Arbeitsruhe am Sonntag als eine willkommene Ergänzung dienen! Nehmen wir ihre Wohltat mit gutem Gewissen in Anspruch. Die Schulkinder des Herrn Lehrers Meyer riesen arglos: Sonntag! Woher stammt denn der Segen des Sonntags? Vom jüdischen Sabbat, wir bemerkten oben, daß der Staat immer stärker darauf dringt, und die arbeitenden Stände es auch immer lauter verlangen, neben einer ausreichenden Ruhepause am Werktag, des Sabbatxrivilegs in Gestalt eines wöchentlichen „dienst- und arbeitsfreien Tages" habhaft zu werden. Ganz ist es bisher nicht gelungen. In Deutschland nimmt man es höllisch-ernst mit der Arbeit, das war auch ein großer Kummer unsrer Feinde. Auch der Jude ist arbeitsam und tätig — zum Aerger seiner Neider. Da nimmt uns die Sonntagsbewegung eine wichtige Sorge ab: Das Juden-

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