Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Ar. Samuel. Sabbat oder Sonntag? umgänglich notwendiger Arbeitserl ed ig ung ins Auge zu fassen. Line Sabbatruhe, wie sie der Gesetzgeber vor Jahrtausenden festsetzte, kann sich im zunehmenden Tempo unseres Arbeitsbetriebes so wenig unversehrt forterhalten, wie ein den Sturmfluten ausgesetztes Eiland. Das Judentum hat dem Sabbat die mächtigsten Deiche errichtet; trotzdem, oder vielleicht umso mehr, ist heute der Rückschlag so groß.; die Arbeit ist eine andre geworden; darum kann die Ruhe nicht die tiefe, selige Ruhe von einstmals sein. Dies zugegeben, müssen wir uns umso mehr bemühen, die letzten Bollwerke zu halten und zu befestigen, in die sich der Sabbat zurückgezogen hat. Da ist einmal der Freitagabend mit seiner unnachahmlich schönen Linfeier, gefolgt von einer häuslichen; die beide ihren Wert durchaus in sich selbst, unabhängig vom kommenden Tage behaupten. Da ist alsdann die Hauxtandacht am Vormittag, zu geeigneter Stunde, kräftig ausgestaltet, regelmäßig mit deutschem Vortrag im Anschluß an die Schriftvorlesung. Für diesen Gottesdienst zu werben, erscheint uns heute als die dringendste Forderung. Liier muß es sich entscheiden, wie unsere norddeutsche Iudenheit ernsthaft über Sabbat¬ oder Soirntagsgottesdienst denkt. Denn Freitagabend und nachfolgende Sonntagsfeier; oder Sabbat- und Sonntaggottesdienst hintereinander, für Unbeschäftigte und Beschäftigte, — alles Fehlgedanken! Nun ist uns aber der Nichtbesuch des Gotteshauses am Sabbat noch kein vollgiltiger Beweis, daß der Sonntag erwünscht ist; schwerer wiegt schon, daß tatsächlich beim Zusammentreffen unsrer Sabbate oder Feste mit christlichen Feiertagen die Synagogen gut besucht sind; aber es bleibt das Bedenken, ob nicht grade das seltene Vorkommnis und das Beispiel einer feiernden Umwelt den Weg zur Synagoge bestimmen. Vollgiltig wäre erst ein unverkennbares religiöses Verlangendas mit elementarer Macht hervorbricht, eine sabbatartige Feier anstrebt und sich die neue Form dafür sucht. Das wird unser Rechtsucher aber nicht behaupten wollen, daß seiw Notruf diesen Charakter besitzt, und mehr sei ate die Zusammenfassung von oft gehörten Klagen, ohne die Gewißheit, ob der Notstand gnit seinen willkommenen Entschuldigung en nicht gar innerlich v-on vielen gepriesen wird! Wir geben zu, in gewissen kleineren und mittleren Gemeinden begrenzter Bezirke mit ganz überwiegend jüdisch-liberaler Bevölkerung -würde ein Sonntagsgottesdienst eine Lücke ausfüllen, wohl auch einem religiösem Bedürfnis entsprechen; in ansehnlicheren derselben Bezirke würde sogleich eine starke Gegenströmung einsetzen und ein unheilvoller Zwiespalt sich auftun, sobald die Synagogentüren am Sabbat geschlossen blieben. Hier beginnt aber auch für die Sabbatfreunde emo unaufschiebbare Verpflichtung. Dürfen diese sich im Rechte glauben und als Mehrheit aufsxielen, nur weil sie ein Gefühl der Abneigung gegen die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag in sich tragen, und jeden Gedanken daran mit großen^ tönenden Worten von sich weisen ohne für den Sabbat mehr, als platonische Liebe aufzubringen? Ich glaube nicht, daß dies genügt! Dahinter könnte sich geradesoviel religiöse Gleichgiltigkeit verbergen, wie im obigen. Falle bei den Sonntagsfreunden, das müssen wir gerechtermaßen zugeben. Wir gehen sogar weiter. Die Entwöhnung vom Sabbat in den Rreisen der sozial und wirtschaftlich hoch über eigentliche Not Gestellten nimmt das harte Lebensgesetz der anderen zum willkommenen Vorwand, jede Sabbat- oder Sonntagfeier für unzeitgemäß oder überflüssig zu erklären. Man sollte endlich bekennen, daß der Sabbatnotstand auch nicht ohne unsere eigene Schuld solchen Umfang angenommen hat. Wir meinen, die Haupt-