Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Säumet: Sabbat oder Sonntag? 77 tums und die Sorge um ihre Erhaltung, i wenn wir uns dennoch ablehnend verhalten, > und für den historischen Sabbat, wie naturgemäß auch für die Beibehaltung des jüdischen Festkalenders eintreten, so erkennen wir die Pflicht an, unser Verhalten zu begründen. Liier unsere wichtigsten Erwägungen. Der Sonntag kann nie zum Sabbat des Judentums werden; er begreift ihn nicht in sich. Einmal kalendarisch nicht, denn er beginnt und endet um Mitternacht; dann inhaltlich nicht, denn so gewiß er eine Nachbildung des Sabbats ist, so groß war das Bestreben der Kirche, ihn auch dem Wesen nach vom Sabbat zu lösen und von seinem Gehalt zu „befreien". An der Geschichte des Sonntags können wir nicht Vorübergehen, wenn wir ihn zum neuen Baugrund für unfern alten Sabbat wählen. Das soziale Moment hat nicht sowohl die Kirche, als der Staat neuerdings mit der Sonntagsruhe zu verbinden gewußt; die strenge Arbeitsenthaltung ist keine Grundbedingung des kirchlichen Sonntags. Die vom Staat ge-' botene Arbeitsruhe nach außen gibt Raum für eine gemeinsamegottesdienstliche Feier, im Ausmaß der christlichen. Das ist der Tatbestand. Der Staat kann großes Interesse daran, haben, die Bürger einander in allen Stücken zu nähern; aber die Bekenntnisse haben das berechtigte Streben, ihre .Eigenart hochzuhalten. Mit der Verlegung der sabbatlichen Feier auf den bürgerlichen Ruhetag vollzieht sich unfehlbar am Sabbat auch ein innerlicher Wandel; es tritt geistig der Sonntag in dessen Rechte ein. Nun ist aber der Sabbat, biblisch gesprochen, ein Zeichen des Bundes zwischen Gott Und Israel, d. h. ein unauslöschliches Merkmal des Judentums; auf ihm beruhen andere Institutionen, Gedanken, Hoffnungen Er ist vom rabbinischen Judentum mit solcher Sorgfalt ausgestattet, mit solchem Ideengehalte beschwert und bereichert worden, daß eine Stunde Sonntagsandächt ihm nicht gerecht würde. Wenige wirkliche Sabbate im Jahr könnten für spezifisches Judentum vielleicht mehr bedeuten, als allwöchentliche, vom Boden gelöste Sonntagsfeiern. Es fei denn, daß Man entschlossen den ganzen Sabbat am Sonntag begeht, nicht durch Gebet und predigt allein — sonst dürfte der Schaden, der dem Judentum erwächst, größer als der Nutzen sein, was dem Sabbat verloren geht, geht dem Judentum an Wesen, Farbe und Eigenart verloren; es ist nicht zuviel , gesagt: das Judentum ist die Religion des Sabbats. Besteht nun irgend eine Aussicht, dem Sabbat unter den veränderten, sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen fernen Vorrang zu erhalten? Wir glauben, alle Erschwerungen, die das rabbinifche Judentum im Laufe der Zeit für die äußere Sabbatheiligung für angezeigt hielt, waren ein Kinderspiel gegen die von außen einstürmenden Verhältnisse. Was man sich selber auferlegt, kann eine Lust sein; was die Umwelt uns aufbürdet, ist eine Last; der orthodoxe Jude bringt heute mit strenger Sabbatheiligung ein Opfer, auf das er stolz ist. Nun widerstrebt unsrer Auffassung dieses Opfern; ab er d en Stolz können wir nicht preisgeben. Daraus ergibt sich die Forderung: den wirtschaftlichen Kämpfen soviel abzuringen, als zur Erhaltung einer sabbatlichen weihe unbedingt erforderlich ist. Das Ureigentümliche des Sabbats war offenbar Enthaltung von profaner Arbeit (negatives Moment), als Vorbedingung religiöser Erhebung (positive Heiligung); diese Verbindung erscheint auch natur- und sachgemäß, unzerreißbar. Tieferes Erfassen der menschlichen Aufgaben, höhere Kulturansprüche und schwierigere Lebensbedingungen haben uns aber dazu geführt, den scharfen Unterschied zwischen Arbeit und Ruhe preiszugeben und eine religiöse Weihe neben un-