Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o o ' Ar. Gsldschrnidt: Pofitirnsums und Relativismus in Philosophie und Religion 75 Man ersieht daraus, daß kerne Religion und keine religiöse Anschauung ein Absolutes ist, denn alle Religion liegt nur als Inhalt des menschlichen Bewußtsei n s vor. Auch wo man glaubt, eine unmittelbare göttliche Offenbarung zu besitzen, da ist der Glaube ein Menschliches, kann also keinen Anspruch auf absolute Gültigkeit erheben. Für den, der das Absolute zu besitzen glaubt, mag dieses absolut gültig sein, aber auf strenge Allgemeingültigkeit kann kein Anspruch erhoben werden. Alle Religion ist also, da sie eine ErfahrUngs-Tatsache ist, kein Absolutes, sondern ein R elativ e s. Und umgekehrt: alles Relative, insofern es der Wirklichkeit angehört, ist ein p o f i t (t r> e 5. Dem entspricht es, daß es nur ein Absolutes gibt, dagegen verschiedenes, ja gegensätzliches positive. Das positive, nicht das Absolute, kann also in die Lage kommen, ein anderes positive zu bekämpfen. Oder, was demnach dasselbe ist, ein Relatives das andere. Wenn aber in einem solchen Kampfe ein „positives" das andere als ein „Relatives" bekämpft, dann setzt es sich, vielleicht im besten Glauben, psychologisch in einen Vorteil, der ihm nicht zukommt. Durch den Gegensatz zum „Relativen" usurpiert das „positive" den Schein des „Absoluten". Es erscheint dann so, als ob das „positive", da es als der Gegensatz des „Relativen" auftritt, eine gewisse absolute Gültigkeit besäße. Andererseits erscheint das „Relative", da es im Gegensatz zum „positiven" auftritt, als mit dem wahren Gegensatz des positiven, mit Negativität behaftet. Es entsteht dann der Eindruck, daß einem positiv Absoluten ein negatives Relative gegenübersteht, wobei natürlich das Erstere, unbewußt und unbeabsichtigt, in eine günstige Kampfstellung gelangt, die dem Siege der Wahrheit Schwierigkeiten macht. Wenden wir nun die bisherigen begrifflichen und psychologischen Erörterungen auf unfern Ausgangspunkt: „Positives undrelatives Judentum" an, so ergibt sich ohne Weiteres, daß es sich hier um gleichwertige Begriffe handelt. Da das angreifende „positive" nicht als „absolut" — logischer Gegensatz zum Relativen — gelten will und das angegriffene „Relative" nicht als negativ oder spekulativ — logische Gegensätze des Positiven — erscheinen soll, so ist, logisch genommen, positives relatives Judentum. Wenn Orthodoxie und National-Iudentum ihr Judentum polemisch, im Gegensatz zu dem der Liberalen positiv nennen, so ist der Gegensatz, den sie bekämpfen, nicht „relativ", sondern „negativ", im besten Falle „spekulativ". Wenn das liberale Judentum aber mit Recht sich als ein positives und nur als positiv betrachtet, und wenn dieses „Schlagwort" einen „gangbaren, praktischen Weg" zu dem Frieden zeigen soll, den „die Kriegszeit gebracht und der auch nach dem Kriege erhalten bleiben soll", so dürfte dieser Weg nicht so einMschlagen sein, daß das liberale Judentum diejenigen seiner „Mitglieder, die nach der einen oder andern Seite zu wünschen übrig lassen, vom „positivismus" ausschlreßt und zum angeblich entgegengesetzten „Relativismus" degradiert, sondern umgekehrt in der Weise, daß man alle Erscheinungen des Judentum in die Einheit des positivismus, des tatsächlichen Gegebenseins, aufnimmt und das Tadelnswerte nicht universell mit der höchsten Strafe: der Entziehung des Ehrentitels „Positivismus", brandmarkt, sondern jedes Kind bei seinem rechten Namen nennt und, in der ihm besonders zukömmlich^n Weise tadelt. Man nimmt der Kritik den Wert der Belehrung, wenn man die verschiedensten Fehler in eine und dieselbe Kategorie hineinzwängt, und besonders dann, wenn diese Kategorie für alle gleich falsch