Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Nr. Goldschmidt: Ksfitivismus und Relativismus in Phitafophie und Religion ° O so besteht das Judentum aus „positiven" und „spekulativen" oder „philosophischen" Bestandteilen, was wohl gleichbedeutend sein dürfte mit „objektiven" und „subjektiven", oder „historischem" und „nationalem" Judentum. Wenden wir die Kategorien „relativ" und „absolut" auf das Judentum an, fo ergibt sich, daß merkwürdigerweise die Kategorie „positiv" dem Begriff „relativ" näher steht, als dem Begriff „absolut". Lin „absolutes" Judentum ist eigentlich nur das System der -extremen Orthodoxie. Die Orthodoxie nimmt für ihr Judentum die absolute Gültigkeit in Anspruch. So wie ihr Judentum ist, so war es zu allen Zeiten und an allen Orten. Seine Gültigkeit ist unbedingt. Entwicklungsstufen kennt es nicht. Wie alles Absolute ist es raumlos und zeitlos. Ls ist in keinem seiner Teile relativ. Ls ist ein ungeteilter, über Lntwicklung und Geschichte erhabener „kategorischer Imperativ". Nichts dazu und nichts davon! Ls ist keine Summe, kein Gewordenes, sondern ein Ganzes, eine Einheit aus absolut gleichwertigen Teilen. Da gibt es weder Kern noch Schale; weder Wesen, noch Linkleidung; weder Inneres, noch Aeußeres; weder Keim, noch Lntfaltung. Ls ist eine Lmanation des göttlichen Willens, ein Ewiges, Unveränderliches, nicht Gewordenes, allen Kategorieen des Werdens niemals Unterworfenes: ein Absolutes! Die „Offenbarung" soll als ein Absolutes in den menschlichen Geist eingehen, als ein Absolutes Geschichte werden; die Relativität des Menschen soll das Absolute des Göttlichen fassen und verwirklichen. Das Irrationale des religiös Absoluten geht also über das Irrationale des philosophisch Absoluten hinaus. In der Religion'" soll das Absolute nicht nur ein Uebermenschliches an sich sein, sondern auch nach seinem Eingehen in das Menschliche ein Absolutes bleiben. — Dein Absolutan steht begrifflich das positive gegenüber. Der „j)ositivismchs" jtft der Kampf gegen das Absolute in der Philosophie. Lr hält sich streng an die Lrfahrung. Lr leugnet nicht nur das „Ding an sich", sondern auch alle Substanz, sowohl die objektive, wie . die Seelen-Substanz. Für den f)ositivismus gibt es kein „Ding mit seinen Eigenschaften", sondern nur Ligenschaften, denn die Lrfahrung kennt nur Ligenschaften und kein „Ding". Lr akzeptiert den Dume'schen Skeptizismus bezüglich der Substanz. Alles, was wir „Ding" oder „Substanz" nennen, ist nur die Relation, der Bewußtseinsinhalt der Lmxsindungen, welche allein Tatsachen sind. In der Philosophie ist also „j)ositivismus" — „Relativismus", Verneinung alles Absoluten. Auf Grundlage des „positiven" das „Relative" zu bekämpfen, wäre philosophisch sinnlos. Wie ist 'es nun in der Religion? Die Religion ist, wenigstens in der bisherigen Geschichte, die Theorie des Absoluten. Aber auch in der Religion, und hier erst recht, ist, wie schon gesagt, das Reich des Absoluten der Lrfahrung entrückt, und das Reich der Lrfahrung ist nicht absolut. Das ist außerhalb der extremen Orthodoxie ganz selbstverständlich. Sobald das Absolute in die Welt der Wirklichkeit eintritt, muß es von seinen: erhabenen jAedestale herabsteigen. Die Erkenntnis des Absoluten ist schon nicht mehrabsolut, denn Erkenntnis ist ein Menschliches. Das ergibt sich auch aus folgendem. Das Absolute an sich kann nie mit sich selber in Widerspruch stehen; die verschiedenartigen Erkenntnisse des Absoluten aber widersprechen gar off einander, also ist die Erkenntnis nicht mehr absolut. Das sollte eigentlich sich von selbst verstehen, aber in der Wirklichkeit halten die Menschen gern ihre Erkenntnis des Absoluten auch für absolut, und die Folge davon waren in der Geschichte Inquisition, Scheiterhaufen, und auch in Unserer Zeit Verketzerung, Gewissenszwang rc.