Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 65 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126571-3126574--2106-3128944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
. » ", Nurülfchau 65 wegen vermag oder sich ihnen nicht mehr fügen will, dann wird die Religion unfruchtbar und damit unwahr." Religiosität ist also das schaffende, aufbauende, Religion das organisierende Prinzip; jene bedeutet Aktivität und Leben, diese Passivität und Stillstand, jene trägt dem Gesetz der Entwicklung Rechnung, diese tut dem Menschen Zwangan, sie vergewaltigt ihn; jener ist es um Erneuerung, dieser um Erhaltung Zu tun. Aus Religiosität stehen die Söhne wider die Väter auf, um ihren eigenen Gott zu finden, aus Religion verdammen die Vater die Söhne, weil sie sich ihren Gott nicht auferlegen ließen. Die Religiosität wurzelt in der Entscheidung, die die Verwirklichung Gottes durch den Menschen und als solche, wie aus den Morten der Mischna: „Besser ist eine Stunde der Umkehr in dieser Welt, als das ganze Leben der kommenden Welt" erhellt, der höchste, der göttliche Augenblick des Menschenlebens, ja des ganzen Weltlebens ist: Die Trägheit, die Entscheidungslosigkeit aber wird als die Wurzel alles Uebels bezeichnet; Sünde ist nichts anderes als Trägheit. Rein Mensch kennt den Abgrund der inneren Zweiheit wie der Jude, aber keiner wie er das Wunder der Einung, das nicht geglaubt, das nur erlebt werden kann. Die Unbedingtheit ist der spezifische religiöse Gehalt des Judentums. Zn der Unbedingtheit seiner Tat erlebt der Jude die Gemeinschaft mit Gott. Nicht auf einem Glaubenssatz ist die jüdische Religiosität aufgebaut, sondern, auf der Weihe der Gesinnung, auf dem hingebungsvollen, aus allen Kräften tätigen Streben Nach tiefinnerlicher religiöser Ver-- vollkommnung, auf dem Gottsucher:, wie es mit eindringlicher, flammender Beredsamkeit die urgewaltigen Propheten gepredigt haben. So berührt sich Martin Buber im Grunde, mit R. Simon ben Läkisch, der da lehrte, daß „Die Aufhebung des Gesetzes zuweilen seine Begründung" sei; denn Reform, Neuauffassung ,ist oft die wirkliche neue Begründung des in seiner früheren Form minderwertig, unzutreffend und zweckwidrig gewordenen Gesetzes, also im eminenten Sinne konservativ (Menachoth, 99a)- Zst damit nicht der Forderung nach organischer Entwicklung und Erweiterung der Lehre Ausdruck gegeben, der logischen Arbeit des Geistes und der Schärfe des Gewissens das Primat vor der Tradition eingeräumt? B. Münz. Rundfchau. Generalverfammlrmg des Rabbiner- Verbandes in Deutschland. Für den 3. bis \0. Mai d. Zs. hatte der Rabbinerverband in Deutschland seine Mitglieder zu einer Tagung nach Berlin zusammenberufen. Daß die Versammlung einem von allen. Seiten empfundenen Bedürfnis entsprach, bewies der starke Besuch. Fast hundert Rabbiner hatten der Aufforderung Folge geleistet; unter ihnen befand sich auch das Ehrenmitglied Mayb a u ni - B e r l i n, auch drei Feldrabbiner (L e v i - B r e sl a u, Z t a l i e n e r-D a r m - stadt, und Baeck-Berlin) waren aus der Ferne herbeigeeilt. Den Vorsitz führten Professor Guttmann-Breslau und später Munk-Marburg, das Schriftführeramt versah Goldmann-Oppeln. Von vielen verhinderten Kollegen waren herzliche Schreiben eingegangen, auch . die Synagogengemeinde-Berlin hatte ein Begrüßungsielegramm gesandt. Zn seiner Begrüßungsansprache gedachte Professor Guttmann zunächst der schweren Zeit des Krieges und der Stellung , der Religion mit ihren Friedensidealen in dem uns aufgezwungenen Kampf. Des weiteren berührte er die feit der letzten Generalversammlung durch den Vorstand erledigten Geschäfte, besonders verweilte er.bei der Einrichtung der Feld seelsorge und deren Anerkennung durch die Behörden. Den Feldrabbinern und ihrem vorbildlichen Wirken sprach er den herzlichsten Dank des Verbandes aus. Sodann gedachte er der seit der letzten Versammlung entschlafenen .Mitglieder, unter denen er besonders Vog elstein-Stettin und Lohn-Kattowitz erwähnte. Der Bericht schloß mit einem begeisterten Dank an das deutsche Heer zind seine Führer, die des Vaterlandes Grenzen in so aufopferungsvoller Weise schützten, und einem Hoch auf den obersten Heerführer, den Kaiser.