Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 64 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Snchrrschmr Tiefgründig und - plastisch charakterisiert Wartin Bub er in .dem eben erschienenen Buche den orientalischen Menschentypus im Gegensätze zum abendländischen als den motorischen im Gegensätze zu dem sensorischen. Er, nennt.sie so nach den Vorgängen, die bei dem einen und bei dem anderen im Mittelpunkte des seelischen Prozesses stehen. „Der psychische Grundakt des motorischen Menschen ist zentrifugal: ein Antrieb geht von seiner Seele aas und wird zur Bewegung. Der psychische Grundakt des sensorischen Menschen ist zentripetal: ein Eindruck fällt in seine Seele und wird zum Bilde. Beide sind empfindende, beide handelnde Menschen; aber der eine empfindet in Bewegungen,-der andere bandelt in Bildern; der erste h!at, wenn er wahrnimmt, das Erlebnis der Tat, der zweite hat, wenn er tut, das Erlebnis der Gestalt. Beide denken; aber des einen Denken meint wirken, des andern Denken meint Form." jAaton nennt das wesen der Dinge Eidos, d. h. Gestalt; der chinesische Philosoph nennt das wesen der Dinge Tao, d. h. die Bahn. Der Abendländer begreift seine Empfindung aus der Welt, der Morgenländer die Welt aus seiner Empfindung. Jener geht in seinem Weltbild von der Gegenständlichkeit der Welt aus, auch wo er non ihr zu den obersten Abstraktionen aufsteigt oder sich in die. tiefsten Geheimnisse der Seele versenkt, dieser von der Innerlichkeit der Welt, die er in seiner Innerlichkeit erlebt. Der Gkzidentale schreitet stufenweise von der Erscheinung zur Wahrheit der Welt oder dringt intuitiv zu ihr vor, der Orientale trägt die Wahrheit im Rern seines Gebens "und findet sie in der Welt, indem er sie ihr gibt. Jener vereinfacht die Welt, indem er ihre Erscheinungen unter allgemeine Begriffe einordnet, dieser, indem er aus seiner Innerlichkeit, der Einheit im Geiste, die einige Welt aufbaut. Sein Einheitstrieb ist der elementarere. Die einige Welt aber soll nicht bloß erfaßt, sie soll ver- ' wirklicht werden. Sie ist dem Menschen nicht gegeben, sondern aufgegebcn. Sier bewährt sich der motorische Charakter des-Orientalen als das Pathos der Forderung, das Sein aus der Entzweiung zur Einheit zu bringen. was vom Orientalen gilt, gilt in ganz besonderem Maße von dem Juden. Er stellt den motorischen Menschentypus in seiner reichsten Ausprägung dar. Die Welt ist fürihn in der Tat, und sein Wesentliches Erleben gipfelt in seinem Tun. Auch ex ist von der Erkenntnis getragen, daß die urgeme,inte Einheit der Welt gespalten und entstellt ist, aber er erlebt die Entzweiung vor allem andern als den Dualismus seines eigenen Ich und er hebt sie auf, indem er sich mit der ganzen Seele entscheidet, zur Unbedingtheit durchdringt, aus der Unfreiheit sich zur Freiheit emporringt. „Die Welt",' sagt ein jüdischer Spruch, „ist um der Wahl des wählenden willen erschaffen worden". So ist im Judentum die Entscheidung des Menschen Mitte und Ursinn alles Geschehens. . An feiner Linkehr und Umkehr, an seiner Erneuerung erneuert sich der Bestand der Welt. / Auf dieser trotz alles' Druckes und unter allen Einflüssen erhaltenen Innerlichkeit der Juden baut sich des Verfassers Glaube an eine neue geistig-religiöse Schöpfung des Judentums auf. Buber unterscheidet nämlich streng zwischen Religion und Religiosität, von dieser, nicht von jener erhofft er eine Erneuerung des Judentums. Treffend äußert er sich: „Religiosität ist das ewig neu werdende, ewig neu sich aussprechende und ausformende, das staunende und anbetende Gefühl des Menschen, daß über seine Bedingtheit hinaus und doch mitten aus ihr hervorbrechend ein Unbedingtes besteht, sein Verlangen, mit ihn: lebendige Gemeinschaft zu schließen, und sein Wille, es durch sein Tun zu verwirklichen und in die Menschenwelt einzusetzen. Religion ist die Summe der Bräuche Und Lehren), in denen sich die Religiosität einer bestimmten Epoche eines Volkstums ausgesprochen und ausgeformt hat, in Vorschriften und Glaubenssätzen festgelegt, allen künftigen Geschlechtern ohne Rücksicht auf deren neu gewordene, nach neuer Gestalt begehrende Religiosität als für sie unverrückbar verbindlich überliefert. Religion ist so lange wahr, als sie fruchtbar ist; dies ist sie aber so lange, als die Religiosität, das Joch der Vorschriften und Glaubenssätze auf sich nehmend, sie doch — oft ohne es zu merken — mit neuem glühendem Sinn zu erfüllen und zuinnerst zu verwandeln vermag, daß sie jedem Geschlecht erscheinen, als wären sie ihm selber'heute offenbart, seine eignen, den, vsätern ftemden Nöte zu fällen. Sind aber die Riten und Dogmen einer Religion so erstarrt, daß die Religiosität sie nicht zu be-