Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Feldpostbrief ■■"5o bleibt im Grunde nur der Vorwurf, daß es unpraktisch sei, Leute zurückzustoßen, die sich für gute Juden galten, obwohl sie in dem von mir ausgeführten 'Sinne nur „relative" Juden seien. Daß. auch ich meine, diese Kräfte müßten zu positiven, religiösen Juden erzogen werden, habe ich bereits hervorgehoben. ' Im einzelnen ist das aber nur eine Frage der Taktik, über die man verschieden urteilen kann. Auch dem Kollegen Fuchs sage ich herzlichen Dank. Hat er.auch! meinen. Artikel nicht kritisiert, so. gab ihm derselbe doch.'Gelegenheit zu einer Fülle von belehrenden und interessanken Bemerkungen. Und im Endergebnis shmmen wir ja beide überein. Beide ersehnen wir die Einheit des Judentums, und beide meinen wir, daß nur auf dem Boden der Religion stine wahre, eine ehrliche und dauernde Einigung erzielt werden kann. fddpoftbrtef. u Beginn des Krieges galt ich für einen „sinnlos Begeisterten." Nicht früh genug schien ich unter die Soldaten kommen zu können. Ich gebe es zu, es mußte direkt verblüffend auf meine. Freunde wirken, daß ich, der ich vor dem Kriege direkt „antimilitaristisch" gesinnt war, mit der Kriegserklärung ein begeisterter Patriot wurde. Ich nehme es ihnen nicht übel, daß sie mich so verkannt haben, daß sie nur an eine meiner „Launen" glaubten, auch dann noch daran glaubten, als ich nach einem mißglückten Fluchtversuch von zu Hause immer noch dabei blieb, mich freiwillig melden zu wollen. Es war eben damals eine allgemeine große Erregung, ein Thaos, das wohl niemand mit seinen Gedanken und Blicken zu durchdringen vermochte. Ich war — und das ist doch ganz natürlich — als J8 Vs jährig er Junge hingerissen und berauscht von eben diesem Thaos. Ich müßte kein Junge gewesen sein, kein deutscher Junge, hätte ich mich nicht treiben lassen von der erregten Menge, hätte mich nicht die Begeisterung mit aller Macht gepackt und gefesselt gehalten, dieselbe Begeisterung, die da in den Straßen Berlins, Unter den Linden und vor dem Schloß wogte. Seelische, schwere Kämpfe mit meinen guten Eltern und mir selbst hatte ich damals zu bestehen. Bange, traurige Tage und doch so erhebend durch die Begeisterung, Kriegslüst und den Jubel der Menge. Erhebend durch das sich „Zusammenschließen" und „Einigen" der Nation. Bange Taget bis mein Vater meinem jüngeren Bruder und und mir die Erlaubnis gab, uns kriegsfreiwillig zu melden.; wir traten ein, wurden ausgebildet, kamen ins Feld und wieder in die Heimat. So manches habe ich da.draußen erlebt, so manchmal wurde ich hier drinnen miß-" mutig und traurig. Das „sinnlose" der Begeisterung, das „sich mit fortziehen lassen" hat allmählich einer gewissen „Ruhe" Platz gemacht. Und dennoch, wenn ichso manches Mal gefragt wurde oder mir in einem Augenblick der inneren Zwietracht selbst die Frage stellte: wenn du das alles vopausgesehen hättest, wie es jetzt gekommen ist, hättest Du Dich da auch gemeldet? so kam stets klar und deutlich die Antwort: „Auch dann hätte ich es getan und ich bin herzlich froh, mich damals gleich gemeldet zu haben." Ich machte wie so viele andere einen „Dffizier-Kursus" mit und bin Vize-Feldwebel geworden. Als Jude speziell und als gerecht denkender und empfindender Mensch hätte ich gewünscht, mein Ziel, Offizier zu werden, erreicht zu haben. Aber, ist denn das der Grund, meiner Begeisterung gewesen? Habe ich mich denn um dieser äußeren Titel und Ehren willen dem Vaterlande zur Verfügung gestellt? Habe ich damals überhaupt an eine Beförderung gedacht? Nein, und abermals nein! Lauter und ehrlich waren meine Beweggründe gewesen.