Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Erwiderung von Ar. Gsldmann oo o o Rabbiner zunmtet, er müsste mit seinen wahren Anschauungen aus dem praktischen Grunde zurückhalten, um sich seine Gemeinde zu erhalten. Solche Klugheit möchte ich mir nicht nachrühmen lassen. Ebensowenig trete ich in eine Erörterung^ über die Grenzen des „wahren" Liberalismus ein. Kennzeichen des Liberalismus dürfte wohl sein, daß er recht weitherzig und duldsam ist. Ich bin liberal und meine 'doch, daß das Gesetz und die Zeremonie einen unentbehrlichen integrierenden Teil des Judentums ausmachen. Dadurch,- daß ich hierin von Geiger abweiche, stelle ich mich noch keineswegs außerhalb des Liberalismus. Daß Geiger die Aussöhnung zwischen „orthodox" und „liberal" für unmöglich hält und nichts dagegen hat, wenn der Gegensatz verewigt wird, ist bedauerlich. Klan muß diese Dinge doch von' einer höheren warte ans betrachten. Die Einheit des Judentums, die allein seine Zukunft verbürgt, dürfte doch ein größeres Ideal fein als die unerquicklichen j)arteistreitigkeiten des Tages, die meist um sehr .unwichtige Nebensächlichkeiten gehen. Taktische Rücksichten dürfen den großen Zielen niemals schaden. Einspruch erhebe ich nur gegen ein Wort! Geiger stellt bedauernd, fest, daß die religiösen Elemente im Judentum — „oft nur zu viel Einfluß" (von ihm gesperrt) gehabt haben. Der Satz sagt viel und erklärt manches. Neben Geiger mögen noch andere Leute die preußische Regierunasanschauung für zweckdienlich und weise halten, nach der in einer religiösen Gemeinschaft (freilich nur in der jüdischen) Kaufleute, Aerzte und Rechtsanwälte religiöse Angelegenheiten in letzter Instanz entscheiden, wahrend von rechtswegen allein die Vertreter der Religion ausgeschlossen sind. Aber richtig wird sie dadurch noch lange nicht. Echte Religion bringt nun tatsächlich den Frieden, und darumkannihr Einfluß garnicht groß genug sein! Daß mit ihr durch Diplomaten und Staatsmänner im jDriesterrock nur zu oft Mißbrauch getrieben worden ist, dürste doch kaum ihre Schuld sein. Feierlich will ich allerdings erklären, daß ich unter den „religiösen Elementen", die die Herrschast gewinnen müssen, nicht die Rabbiner schlechthin verstehe, daß ich religiös empfindende Laien ebenso dazu rechne, wie ich politisierende Geistliche ausschließe. Vielleicht wird das die Einigung mit Geiger ein wenig erleichtern.. Trotz alledem bin ich für Geigers.Aufsatz aufrichtig dankbar. Beweist er mir doch, daß man über das Problem nachzudenken und zu merken beginnt, daß Judentum ohne Religion ein innerer Widerspruch ist. Damit ist der Zweck meiner Ausführungen erreicht. Und was schließlich die liberale Jugend betrifft, so habe ich, wie die letzten Nummern dieser Zeitschrift Herrn'Dr. Geiger beweisen können, außerordentlich enge Fühlung in ihr, da ich mit ihr arbeite. - Und ich weiß, daß sie meinen Anschauungen immer näher kommt und sich davon überzeugt, daß relatives, unreligiöses Iud ent um eine G e f a h r i st! Mit dem Herrn Kollegen Fuchs stimme ich eigentlich nur in einem Satz völlig überein, daß nämlich die Entgegnung von Geiger das Problem nicht tief genug erfaßt. Ihm selber muß ich freilich das Kompliment machen, daß er zu tief gegraben hat. Aus diesen Tiefen hat er eine Menge von Einwänden und sonstigem Material zu Tage gefördert, das sehr gelehrt ist und teilweise richtig sein mag, das aber leider mit meinem Aufsatz nichts zu tun hat. Fuchs hat meine Arbeit zergliedert und vier Thesen in ihr «gefunden. Diese widerlegt er nicht ohne Geschick. Nur eine ganze Kleinigkeit hat er übersehen, daß er nämlich diese vier Sätze ganz willkürlich konstruiert, daß