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Liberales Judentum · 1916-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1916) · p. Seite 57

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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Erwiderung von Ar. Gsidrnann 57 Aber kein Erzieher sagt dem Schüler, wohin er ihn bringen will! - Dann antwortet der Schüler: Das Ziel kann jch bequemer erreichen. So ist es falsch, daß wir immer betonen: Das Zeremonial hat diesen Zweck. Das müssen die Leiter der Iudenheit wissenaber nicht die Masse! —: Ebensowenig Wert hat es zu sagen: Gott befiehlt das Zeremonial. Ganz anders, wenn man sagt: Das Judentum, der Geist der Stammesgemeinschaft, fordert es. Das ist plausibel und ein . starker Anreiz zu gehorchen! Freilich nur dann, wjenn man nicht immer predigen hört: das. Wesen des Judentums ist der ethische Monotheismus! Nein! Dieser ist der letzte geheime Sinn des Judentums, die Bundeslade hinter dem Vorhang. Aber selbst der Hohepriester darf nur einmal im Jahre vor die Bündeslade treten. Am Alltag ist für Priester wie Volk die Vorhalle, die jüdische Gemeinschaft! In ihrem Namen gepredigt und beobachtet, wird das Zeremonial sich wohl ändern, aber nimmermehr so verflüchtigen können, wie es im letzten Jahrhundert geschehen ist. Hiermit ist deshalb auch für uns liberale Rabbiner, soweit wir das Zeremonial gern konservieren ^wollen, , ein praktisch gangbarer Weg gegeben. In solcher Anschauung können alle drei Parteien »des heutigen Judentums den von Goldmann wie von allen ehrlich das Judentum liebenden Menschen ersehnten „gemeinsamen Boden" finden. Es ist jetzt, kurz vor der Neuordnung aller inneren Angelegenheiten in Deutschland, die richtige Zeit, die Vorbereitungen für die Gesamtorganisation der deutschen Juden wieder in die Hand zu nehmen. Dazu wird es nötig fein, zuerst eine gemeinsame Mattform zu finden: Eher kan ns ich keine Regierung mit uns aüf die Dauer verständigen! Der gute Wille, Sonderforderungen zurückzustellen, gemeinschaftlich Notwendiges aber auch wirklich zu leisten, wird sicher am wenigsten Schwierigkeiten begegnen, wenn der Liberalismus nicht den ethischen Monotheismus, die. Orthodoxie nicht die göttliche Herkunft und ewige Gleichförmigkeit des Zeremonials, und der Nationalismus nicht die religiöse Indifferenz des Judentums in den Vordergrund stellt, sondern alle sich die Parole zu eigen machen: - - Im Namen des Judentums! Im Geiste unserer Religions- und Stammesgemeinfchaftt krwiäerung von Dr. felix Gqldmann-Oppeln. Zwei Kritiker sind mir erstanden, die sich sehr ausführlich — der eine mehr mit der formellen, der andere; mit der sachlichen Seite meiner Ausführungen — beschäftigt haben. Ich aber habe dem Herrn Redakteur versprochen, mich der möglichsten Kürze zu befleißigen, beschränke mich daher auf wenige grundsätzliche Bemerkungen. Mit Dr. Geigers Kritik bin ich sehr zufrieden. Daß ich sachlich im Rechte bin, gibt er im Prinzip zu, und wenn er mir — das ist der Kern seiner Ausführungen!— oen Vorwurf macht, daß ich etwas zu scharf in's Zeug gehe, daß ich nicht praktisch genug denke und über einen allzu hoffnungsfreudigen Idealismus verfüge, so ist das in meinen Augen kein Tadel, sondern ein sehr großes Lob. Mich gegen den Vorwurf der Intoleranz zu verteidigen, halte ich für sehr überflüssig. Ich stelle mich auf den Boden unserer Alten, die da sagten: „Nicht die Sünder sollen zu Grunde gehen, sondern die Sünde!" Die relativen Juden sollen religiös werden und dadurch das relative Judentum zum Schwinden bringen. So zu denken und danach zu handeln ist nicht intolerant. Es ist meine einfache Pflicht als religiöser Jude und Rabbiner! Auch darüber kann ich mich in keine Erörterungen einlassen, wenn Geiger einem

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